Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar FIFA-Skandal sorgt für Debatte über Korruption Anachronismus HUBERTUS GÄRTNER

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Wir hatten nun wirklich nichts anderes erwartet:
Im Weltfußballverband FIFA gibt es mal wieder einen veritablen
Korruptionsskandal. Sieben hochrangige Funktionäre wurden
festgenommen. Zusammen mit anderen Beschuldigten sollen sie mehr als
150 Millionen Dollar Schmiergeld kassiert haben. Den großen Boss Sepp
Blatter und viele andere FIFA-Mitglieder ficht das wenig an. Sie
schreiten zur Wiederwahl und tun so, als sei gar nichts gewesen. Ist
das Hybris, Starrsinn oder die Ignoranz alter, gleichwohl mächtiger
Männer? Wahrscheinlich ist es alles zusammen. Das Verhalten dieser
Funktionäre ist aber auch logisch, denn Bestechung und
Bestechlichkeit dürften im großen FIFA-Reich seit Jahrzehnten an der
Tagesordnung und damit eine Art gefühltes Gewohnheitsrecht sein. Die
Korruptionsanfälligkeit rührt nicht nur daher, dass im Weltfußball
Milliardensummen bewegt und verdient werden können. Sie hat auch
ihren Hintergrund darin, dass die FIFA aus einer Vielzahl von
Einzelverbänden besteht. Sie vertreten zum großen Teil sehr arme
Länder. Wer dort im Alltag kein Schmiergeld zahlt, ist verloren,
kommt nie auf einen grünen Zweig. Häufig wird er auch gleich
totgeschossen. Warum also sollten ausgerechnet Funktionäre aus diesen
armseligen Nationen nicht die Hand aufhalten, wenn sie beim
Stimmenpoker um die Fußball-WM-Vergabe mit allerlei Vergünstigungen
geködert werden?! Sepp Blatter hat sie alle in der Hand. Seine Chuzpe
ist kaum zu überbieten. Aber sind wir deshalb alle käuflich? Wohl
kaum. Im Korruptionsindex, den die Organisation Transparency
International jedes Jahr veröffentlicht, nehmen die skandinavischen
Länder regelmäßig eine Spitzenstellung ein. Die Dänen galten im
zuletzt veröffentlichten Ranking als das sauberste Völkchen. Hier
wird am wenigsten „geschmiert“, in Ländern wie Somalia, Nordkorea,
Sudan und Afghanistan hingegen am meisten. Deutschland rangiert unter
171 gelisteten Nationen auf Platz zwölf – aber noch deutlich hinter
der Schweiz, die Platz fünf belegt. „Die Korruption wächst und
gedeiht, sie wird nicht erkannt und kaum verfolgt“, so heißt es
häufig an den Stammtischen. Zumindest in der westlichen Welt trifft
das aber allem Anschein nach nicht zu. Dem „Lagebild Korruption“ des
Bundeskriminalamtes ist zu entnehmen, dass die Anzahl der
Strafverfahren in diesem Bereich in den letzten Jahren rückläufig
ist. 2013 gab es 1.403 Korruptionsverfahren in Deutschland, 2009
waren es noch 1.904. Auch nach Einschätzung von Ermittlern wird
sowohl in den Amtsstuben als auch in den Unternehmen heute deutlich
weniger geschmiert als noch vor einigen Jahren. Sowohl die
öffentlichen Verwaltungen als auch die großen Unternehmen haben
strenge Regeln erlassen, um die Korruption schon im Keim zu
ersticken. Manche Empfangsdamen dürfen nicht mal mehr einen
Blumenstrauß entgegennehmen. Überall wurden sogenannte
Compliance-Abteilungen geschaffen. Diese Maßnahmen tragen offenbar
Früchte. Eine Wende war nach Einschätzung von Experten der im Jahr
2006 aufgedeckte Siemens-Korruptionsskandal. Etliche Manager waren
danach in Haft gekommen, der Konzern musste Strafen in Milliardenhöhe
zahlen. In der westlichen Welt zählt Korruption spätestens seither
nicht mehr als Kavaliersdelikt. So gesehen wirken die Machenschaften
in der FIFA wie ein Anachronismus. Sie sind eine nicht enden wollende
Frechheit und kaum zu ertragen.

Pressekontakt:
Neue Westfälische
News Desk
Telefon: 0521 555 271
nachrichten@neue-westfaelische.de

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