Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar Flüchtlinge Der Westen ist verantwortlich CARSTEN HEIL

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Um mit einer politischen Lüge dieser Tage
aufzuräumen: Es ist keine Großzügigkeit oder gar
Menschenfreundlichkeit, wenn Europa nun Hunderttausende Flüchtlinge
aufnimmt. Es ist eine historische Pflicht. Nichts anderes. Denn die
Ursachen für den Flüchtlingsstrom aus dem arabischen Raum, die Quelle
für das Leid und das Elend so vieler Menschen haben Europa und die
USA mitzuverantworten. Nicht, dass im Orient alles in Ordnung gewesen
wäre. Aber der Westen hat die Zustände selbst mitgeschaffen, über
Jahrzehnte. Dann darf er sich jetzt nicht beklagen, wenn die EU und
die Vereinigten Staaten dafür geradestehen müssen. Einige westliche
Regierungen versuchen sich freilich auf unverantwortliche Weise vor
dieser Verpflichtung zu drücken. Es waren Frankreich und
Großbritannien, die nach dem Ersten Weltkrieg vollkommen willkürliche
Grenzen im Nahen Osten gezogen haben, wo jetzt die meisten
Flüchtlinge herkommen. Umso verwerflicher, dass sich ausgerechnet
London heute als sperrig erweist, Flüchtlingen zu helfen. Nach dem
Zweiten Weltkrieg wurde die Nahostpolitik des Westens nicht besser.
Im Gegenteil: Öl wurde immer wichtiger. Leidlich funktionierende
Stammesstrukturen und religiöse Grenzen wurden aufgelöst und
willkürlich nach eigenen Interessen neu gezogen. Nur Diktaturen
pressten die Menschen in diesen Gebieten zusammen in die jeweiligen
Staaten. Und als die einst nützlichen Diktatoren wie Saddam Hussein
im Irak, Baschar al Assad in Syrien und Muammar al Gaddafi in Libyen
den USA und einigen europäischen Staaten nicht mehr passten, wurden
Rebellenorganisationen gegen sie unterstützt oder die Regime gleich
weggebombt. Ohne auch nur im Ansatz eine Vorstellung davon zu haben,
welche Ordnung in der Zukunft herrschen könnte. Libyen, Syrien und
der Irak sind als funktionierende Staaten nicht mehr vorhanden. In
der Folge herrscht Instabilität und das Recht des Stärkeren. Dabei
hätte der Westen wissen können, was passiert, denn der 11. September
2001 (am Freitag war Jahrestag) hat deutlich gemacht, dass fehlende
Ordnung Terror gebiert. Weil in Afghanistan nichts mehr
funktionierte, konnte sich El Kaida mit seinen Terrornestern dort
festsetzen. Der Westen sollte sich deshalb die Empörung über den IS
sparen. Der Islamische Staat ist auf dem Nährboden völlig verfehlter
westlicher Politik entstanden. Der verlogene Irakkrieg der USA und
das Auseinanderbrechen Syriens haben den IS zuerst möglich und dann
stark gemacht. Ein wirkliches Ziel haben weder Washington noch London
erreicht. Und dass die USA sich als Verursacher nahezu komplett aus
der Verantwortung für die Flüchtlinge davonstehlen, ist ein Skandal
im Skandal. Schließlich: Als die Flüchtlingslager in der Türkei, im
Libanon und in Jordanien entstanden und die dortigen Regierungen um
drei Milliarden Euro Hilfe baten, hielt die Weltgemeinschaft die
Taschen zu. Millionen Vertriebene leben dort in Zeltstädten.
Mickerige Beträge wurden dafür zur Verfügung gestellt. These: Es kann
gut sein, dass die Menschen sich gar nicht nach Europa auf den Weg
gemacht hätten, wenn Europa für ordentliche Bedingungen vor Ort
gesorgt hätte. So zynisch es klingt, aber mit deutlich weniger Geld,
als es allein Deutschland heute für die Betreuung der Flüchtlinge
ausgeben muss, hätte die aktuelle Situation verhindert werden können.

Pressekontakt:
Neue Westfälische
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Telefon: 0521 555 271
nachrichten@neue-westfaelische.de

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