Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar Flüchtlingsklassen zu Schulbeginn Unterricht als Privileg FLORIAN PFITZNER, DÜSSELDORF

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Unbehagen herrscht in diesen Tagen bei einigen
Schülern in Nordrhein-Westfalen. So schön die Sommerferien verlaufen
sind, so schnell gingen sie mal wieder vorbei. Schon bald steht der
erste Vokabeltest an, die erste Mathearbeit. Wer mag schon daran
denken, wenn man zuallererst mal den alten Schlafrhythmus in Gang
setzen muss? Sowieso lässt der Schaffensdrang so kurz nach dem Urlaub
häufig zu wünschen übrig – der Rückkehrer-Blues. Missstimmung,
mitunter sogar ein Anflug von Angst steigt derzeit auch bei manchen
Eltern schulpflichtiger Kinder empor. In diesem Sommer nicht
vorrangig wegen der verkürzten Gymnasialzeit („Turbo-Abitur“) und des
damit verbundenen erhöhten Leistungsdrucks, der auf ihren Töchtern
und Söhnen lastet. Ebenso stehen die Ungereimtheiten rund um den
inklusiven Unterricht momentan eher in der zweiten Reihe des
allgemeinen Interesses. Stattdessen denken viele Mütter und Väter
über die Auswirkungen der landesweiten Flüchtlingsaufnahme auf den
Schulalltag nach. Ungefähr 40 Schulturnhallen nutzt NRW zurzeit als
Notunterkünfte, laut Schulministerin Sylvia Löhrmann soll das die
„absolute Ausnahme“ sein. Eine vierzigfache „absolute Ausnahme“,
ließe sich bissig einwenden. Ostwestfalen-Lippe bietet hilfesuchenden
Menschen in sechs Hallen eine vorübergehende Bleibe. Faktisch steht
der Unterricht damit unter dem Einfluss der zuletzt oft zitierten
kleinen Völkerwanderung. Niemand kann darin einen Idealzustand sehen.
Obwohl einige Bedenkenträger bei nahezu jeder Gelegenheit auf die
angespannte Lage hinweisen, taugt der Umstand jedoch weder für
Fatalismus noch für Dramatisierungen. Um sich das Verhältnis vor
Augen zu führen, lohnt etwa ein Blick auf Bochum: Die
Ruhrgebietsstadt zählt rund um ihre Schulen allein 39 Turnhallen. Die
Zahl der belegten Sportsäle ist also verhältnismäßig gering. Übrigens
wie die Zahl der Flüchtlingskinder (10.000). Angesichts von 2,5
Millionen Schülern in NRW sind Vorbereitungs- und Auffangklassen eher
Einzelerscheinungen. Im ländlichen Raum sollen die Kinder
voraussichtlich direkt in reguläre Klassen gehen. Womöglich gelingt
die Integration so noch etwas zügiger. Wer es ernst meint mit dem
beinahe schon überstrapazierten Wort der „Willkommenskultur“, sollte
sich ein Beispiel an den fast sechzig ehemaligen Lehrern nehmen, die
dem Schulministerium in dieser Woche ihre Hilfe angeboten haben. Sie
haben verstanden, worum es geht. Derweil muss sich die rot-grüne
Landesregierung mit einiger Berechtigung den Vorwurf gefallen lassen,
etwas spät auf die Herausforderungen reagiert zu haben. Wer die
Entwicklungen in den Kriegs- und Konfliktregionen der Welt verfolgt
hat, konnte sich ziemlich leicht ausrechnen, welchen
außergewöhnlichen Aufwand Europa und die Bundesrepublik nun leisten
müssen. Angst ist in dem Zusammenhang jedenfalls ein schlechter
Ratgeber. Und auch das übliche Unbehagen der Schüler in NRW schwächt
sich mit Blick auf die Flüchtlingskinder schnell ab. Sie dürften den
Schulbesuch vielfach kaum als leidige Pflicht ansehen, sondern als
Privileg. Allein in Syrien wurden durch den Krieg bisher 4.500
Schulen zerstört.

Pressekontakt:
Neue Westfälische
News Desk
Telefon: 0521 555 271
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