Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar: Helmut Schmidt ist tot Ein großer deutscher Kanzler THOMAS SEIM

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In der Reihe der deutschen Bundeskanzler ragt
Helmut Schmidt auf eine besondere Art und Weise heraus. Er war kein
Idealist, sondern Pragmatiker. Er misstraute eher jenen, die die
erfolgreiche Organisation von Politik der Präsentation von Wechseln
auf die Zukunft vorzog. Daraus schöpfte er Energie und Kraft, die
Deutschland über eine der schwierigsten Phasen der zweiten Demokratie
in eine wohl organisierte und auf Wohlstand ausgerichtete Zukunft
ausrichtete. Helmut Schmidt selbst hätte als preußischer Pragmatiker
vermutlich gezögert, sich als Visionär zu bekennen. Ihm wird im
Gegenteil das Zitat nachgesagt, dass zum Arzt gehen solle, wer unter
Visionen leide. Aber Helmut Schmidt war Visionär. Ein pragmatischer
Visionär, wenn man diesen Widerspruch formulieren darf. Er dachte
europäisch, als die Mehrheit auf den Deutschen Herbst konzentriert
war, der das Land und seine unsicher agierende Demokratie mit
Terrorismus bedrohte. Seine Treffen mit dem damaligen französischen
Präsidenten Giscard d–Estaing legten die Basis für eine Europäische
Union, die sich aus einer Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und
einer Europäischen Gemeinschaft zu dem Friedenswerk mausern konnte,
das die EU ist. Ohne diese pragmatische Europa-Vision würden sich
heute – unter der aktuellen Flüchtlingslage – nationale und – ja das
auch – wohl nationalistische Fragen ganz anderer Art stellen. In der
Generation der heute 50-Jährigen tun sich viele schwer mit der
europäischen Sicherheitspolitik, die Helmut Schmidt begründete. Die
Grünen gibt es, weil sie das Misstrauen der damals jungen Generation
gegen eine militärisch abgestützte NATO-Garantie für Deutschland und
Mitteleuropa einsammelte. Sie gründeten sich gegen Helmut Schmidt,
wie es Joschka Fischer einst formulierte, nicht gegen Helmut Kohl.
Aus heutiger Sicht wird man indes einräumen müssen, dass nicht nur
die Friedensbewegung, sondern auch Schmidts pragmatische Vision einer
haltbaren Sicherheitsstruktur für Europa jene Abrüstungsbewegung der
beiden damaligen Supermächte erst in Gang setzte. Diese Bewegung
führte Europa bis heute in eine seiner erfolgreichsten historischen
Phasen. Diese Position als pragmatischer Visionär macht Helmut
Schmidt so herausragend in der Reihe der deutschen Kanzler. Willy
Brandt war ein Visionär, der Deutschland aus dem Muff von 1.000
Jahren löste, Konrad Adenauer war ein Pragmatiker, der den Deutschen
neuen Halt nach ihrer Katastrophe und Beinahe-Selbstzerstörung gab.
Helmut Schmidt gab der deutschen Zukunft Struktur. Er dachte in
Zusammenhängen, die außer ihm nur wenige am Horizont erkennen
konnten. Er legte die Fundamente, auf denen seine Nachfolger
Wohlstand und Sicherheit in Europa bauen konnten. Das ist sein großes
Erbe. Wir als seine Erben tun uns gerade in dieser Zeit ein wenig
schwer damit. Wir sind sehr gut im Alltagspragmatismus, in der
Beschreibung der großen Herausforderungen, die uns bevorstehen, im
Benennen der Probleme auch, die uns gerade blockieren. Unsere
Generation der Politiker präsentiert sich zu Zeit als Generation der
Pragmatiker. Sie organisiert, managt, löst im besten Fall Blockaden
des Tages. Es fehlt der Blick auf den großen Entwurf der Zukunft. Es
fehlt eine Vision, eine pragmatische Vision. Uns fehlt Helmut
Schmidt.

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