Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar Tarifstreit bei Kitas, Pflege und anderen Arbeit am Menschen Günther Wiedemann

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Streikende Erzieherinnen und Erzieher sind in
diesen Tagen die Speerspitze eines sich immer deutlicher
herausbildenden, neuen Trends in der Tarifpolitik der Gewerkschaften.
Frank Bsirske, der Vorsitzende der Gewerkschaft Verdi, bringt es so
auf den Punkt: „Die Arbeit mit und für Menschen hat deutlich mehr
Anerkennung verdient.“ Damit zielt er nicht auf lobende Worte; er
meint das Gehalt. Wertschätzung beruflicher Leistungen drückt sich
vor allem über die Höhe der Entlohnung aus. Daran knüpft sich die
Frage, was wir alle für diese Dienste bereit sind zu zahlen. Mit
seinem Satz rechtfertigt Bsirske aktuell die gegenwärtigen Streiks
des Kita-Personals. Aber er meint damit längerfristig nicht nur diese
Beschäftigten: Am Internationalen Tag der Pflegenden in dieser Woche
haben Verdi, die Sozialverbände und zahlreiche Politiker eine bessere
Anerkennung auch der Arbeit der Pflegekräfte in Krankenhäusern und
Altenheimen angemahnt. Es ist mit Streiks in Kliniken und
Seniorenheimen zu rechnen, weil die Arbeitgeber nicht ohne weiteres
dem Ziel der Gewerkschaften zustimmen werden, Pflegekräften neben dem
allgemeinen Einkommenszuwachs im öffentlichen Dienst ein zusätzliches
Mehr einzuräumen, wie es jetzt für Erzieherinnen durchgesetzt werden
soll. Verdi, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und
die Fachorganisationen im Deutschen Beamtenbund reagieren mit ihrem
Engagement für Beschäftigte in sozialen Berufen auf wirtschaftliche
und gesellschaftliche Umbrüche. Betreuung und Pflege von Angehörigen
ist aufgrund sozialer Veränderungen nicht mehr wie noch vor
Jahrzehnten über familiäre Strukturen zu gewährleisten; diese Arbeit
hat sich zu einer außerhäuslichen Dienstleistung entwickelt, für die
es, nicht zuletzt wegen gestiegener Anforderungen, zunehmend mehr
professioneller Fachkräfte bedarf. Die sind jedoch in der notwendigen
Anzahl ohne angemessene Bezahlung nicht zu bekommen. Und von der sind
Pflegekräfte und andere Beschäftigte im sozialen Bereich noch ein
gutes Stück entfernt. In Industrie und Handwerk sind jedenfalls
vielfach höhere Einkommen zu erzielen. Diese Wirtschaftsbereiche sind
das Rückgrat unserer ökonomischen Leistungsfähigkeit, auch wenn
Dienstleistungen inzwischen erheblich zu wirtschaftlicher
Wertschöpfung beitragen. In der Lohnpolitik hat dieser Wandel (weg
von der reinen Industriegesellschaft) bislang jedoch noch nicht
seinen angemessenen Niederschlag gefunden. Die Tarifforderungen der
Gewerkschaften orientieren sich meist an den Möglichkeiten der
Industrie. Hier sind Veränderungen durchaus angebracht, wenn sie die
ökonomische Basis im Auge behalten. Der Slogan „Arbeit mit Menschen
darf nicht schlechter bezahlt werden als Arbeit mit Maschinen“ ist
populär und klingt gut. Er hat durchaus einen berechtigten Kern, aber
Lohnpolitik hat auch wirtschaftliche Zusammenhänge zu beachten. Über
eine bessere Bezahlung Beschäftigter in sozialen Berufen herrscht
weitgehend Konsens. Details sind umstritten wie jetzt beim
Kita-Personal. Zu wenig bedacht wird aber die Finanzierung. Wer will
schon höhere Kindergartenbeiträge oder höhere Steuern? In der Pflege
sind bessere Gehälter nur zu finanzieren, wenn die Kassenbeiträge
steigen. Der neue Trend in der Lohnpolitik hin zu einer
eigenständigeren Tarifpolitik für soziale Dienstleistungen ist
richtig. Deshalb müssen wir als Gesellschaft intensiver und ehrlich
darüber sprechen, was uns die Arbeit mit und für Menschen letztlich
wert ist, beziehungsweise, wo wir dort zu Abstrichen bereit sind.

Pressekontakt:
Neue Westfälische
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