Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar: Vernetztes Autofahren Pflicht und Kür Stefan Schelp

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Die auffälligsten Fahrzeuge, die auf dem
kleinstadt-großen Campus von Google unterwegs sind, sind die
gelb-rot-grün-blauen Fahrräder. Google-Mitarbeiter nehmen sich eines,
fahren zum nächsten Gebäude, lassen es stehen. Der nächste, der noch
ein Stückchen weiter will, kann das Rad einfach übernehmen. Ganz
selbstverständlich. Wenn auch für einen Internet-Konzern irgendwie
aus der Zeit gefallen. Da können Googles selbstfahrende Autos nicht
mithalten, auch wenn sie an der Spitze der Bewegung rollen. Da fehlt
ihnen der zugegebenermaßen etwas schräge Charme. Dass die
selbstfahrenden Autos, die autonomen Gefährte, die Roboter ohne
Gaspedal und Lenkrad, offenbar wichtiger sind als alle anderen Themen
auf der Internationalen Automobilausstellung, ist natürlich auch
Googles Verdienst. Die etablierte, mehr als 100 Jahre alte
Autoindustrie fürchtet offenbar, dass die Konzerne aus dem Silicon
Valley ihnen die Butter vom Brot nehmen könnten. Dass das vernetzte
Fahren jetzt von den europäischen Autokonzernen derart forciert wird,
ist nichts anderes als eine Verteidigungsstrategie gegen die so
unheimliche Konkurrenz aus dem Internet. Die Google-Entwickler haben
gerade erst erklärt, dass sie spätestens in vier Jahren so weit sein
wollen, dass das autonome Fahren serienreif ist. Das heißt, hier ist
Druck auf dem Kessel. Druck, den natürlich auch die heimischen
Autobauer spüren. Die Frage ist allerdings: Müssen sie sich diesem
Druck beugen angesichts der vielen Unwägbarkeiten, die das Thema noch
mit sich bringt? Wer will wirklich einem Algorithmus die Entscheidung
überlassen, ob man eher einem Menschen, einem Tier oder aber einem
festen Hindernis ausweichen will, wenn eine Kollision auf glatter
Strecke droht? Was ist mit der Sorge, dass die Steuerungselektronik
des autonomen Autos von Hackern geknackt werden könnte? Bisher gilt
schließlich noch immer die bittere Erkenntnis, dass sich letztlich
jede Software hacken lässt. Die nächste Frage ist, wie viel Technik
die Menschen denn tatsächlich nutzen können und dann auch nutzen
wollen. Egal ob Auto, Elektrogerät oder Smartphone: Jedes Gerät
bietet doch weit mehr Möglichkeiten, als unsereiner wirklich
gebrauchen kann. Wer nutzt schon jede denkbare App auf seinem
Smart-TV, wer hat schon alle Fahrstil-Voreinstellungen seines Autos
genutzt? Menschen sind eben zögerlich, wenn es um Veränderungen in
ihrem Leben geht. Meistens hat das nicht geschadet. Bevor die
Autoindustrie also all ihr Gehirnschmalz in die Entwicklung des
automatisierten Fahrens steckt, sollte sie sich um das Abarbeiten
uralter Baustellen kümmern. Wo bleibt der Wille zur Innovation, wenn
es etwa um das Thema Spritsparen geht? Muss ein moderner
Mittelklasse-Kombi etwa immer noch mehr als sieben Liter auf 100
Kilometer schlucken? Wo ist die breite Palette von Hybrid-Fahrzeugen?
Was ist mit der Elektromobilität? Da ist die Industrie nicht über
leere Versprechungen hinausgekommen. Hier müssen die Konzerne ihre
Hausaufgaben machen. Das ist Pflicht, automatisiertes Fahren ist dann
die Kür. Übrigens: Autonomes Fahren gibt es schon von jeher. Sogar
mit dem Fahrrad, ob nun gelb-rot-grün-blau oder grau-metallic. Früher
nannten wir das schlicht „freihändig fahren“. Und sind dabei damals
schon auf die Nase gegangen.

Pressekontakt:
Neue Westfälische
News Desk
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nachrichten@neue-westfaelische.de

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