Neue Westfälische (Bielefeld): Streit ums Turbo-Abi Für die späte Entscheidung Martin Fröhlich

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Es ist Wahlkampf in NRW. Das erste große Thema:
das Turbo-Abi. G8 gegen G9. Landesregierung gegen Opposition gegen
Eltern gegen Lehrer. Alle gegen alle, abgesehen von den Schülern, die
brav jeden Tag zur Schule gehen und ausbaden, was alle anderen
Beteiligten da anrichten. Und nun auch: SPD gegen Grüne, interner
Konflikt in der Landesregierung. Denn der Entwurf einer flexiblen
Handhabung, den die SPD vorgelegt hat, ist nicht das Gleiche, was
Schulministerin Löhrmann meint, wenn sie von flexibler Schulzeit
spricht. Die Elterninitiative verlangt kompromisslos die Rückkehr zum
Abitur nach 13 Jahren. Es waren auch Eltern, die das Turbo-Abi mit
angeregt hatten. Aber hinterher ist man ja immer schlauer. Oder ist
die Phalanx der Mütter und Väter, die gegen G8 sind, gar nicht so
groß? Es scheint so, als ob sich auch die Parteien nicht sicher sind,
welches Lager mehr Stimmen brächte. Bislang hört man kaum eine Partei
rufen: Weg mit G8! Es wird laviert. Man könnte hier ein Detail ändern
oder da, könnte flexibel auf die Bedürfnisse der Schüler reagieren.
Die Schule, die das im Alltag umsetzen müsste, wäre nicht zu
beneiden. Doch das Thema ist zu ernst, um es zur Wahlkampffarce
verkommen zu lassen. Deshalb sei dem SPD-Vorstoß ein prüfender Blick
gegönnt. Urteil 1: Er schafft G8 nicht ab, ermöglicht aber G9, und
zwar in geregelten Bahnen. Urteil 2: Das Problem der Schulabgänger
ohne Abschluss nach Klasse 10 würde weitgehend gelöst. Urteil 3: Die
Sekundarstufe I würde entzerrt, die Belastungsspitzen für Schüler der
Mittelstufe wären gekappt. Urteil 4: Der Quereinstieg aus anderen
Schulformen in die gymnasiale Oberstufe wäre durch das
Orientierungsjahr gesichert. Das klingt wie ein vernünftiger
Vorschlag in der überhitzten Debatte. Vor allem, weil die späte
Entscheidung für oder gegen ein Turbo-Abi von vergleichsweise reifen
Schülern (und Eltern) getroffen würde. Das ist bei zehn Jahre alten
Viertklässlern viel schwieriger. Oberstufenschülern wiederum könnte
man Belastungsspitzen von zehn Stunden eher zumuten. Ansonsten gilt:
Es muss eine klare Lösung geben. Vieldeutige Reden über immer
flexiblere Schulen und den Plan, jedem Kind so viel Zeit zum Lernen
zu geben, wie es braucht, klingen zwar wunderbar. Die Erfahrung zeigt
aber, dass sie in einem Regelsystem, und nichts anderes kann das
Schulwesen für 2,5 Millionen Kinder in NRW sein, nicht zu
verwirklichen sind. Fragen Sie mal eine Lehrerin, die jeden Tag 28
Schülern gegenübersteht, wie flexibel sie sein kann. martin.

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