Neue Westfälische (Bielefeld): Vereinte Nationen rufen Welttag der Flüchtlinge aus Narben in der Menschheit MATTHIAS BUNGEROTH

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Rund 60 Millionen Menschen sind derzeit weltweit
auf der Flucht. Sie machen sich unter zumeist lebensbedrohlichen
Umständen auf den Weg, um in ihrer Heimat Krieg, Hunger und
Verfolgung zu entgehen und die winzig gewordene Hoffnung auf ein
menschenwürdiges Dasein nicht ganz aufgeben zu müssen. Diese
ernüchternde Bestandsaufnahme hat die Vollversammlung der Vereinten
Nationen (UN) dazu bewogen, den Tag heute zum Welttag der Flüchtlinge
auszurufen. Das Problem der Flüchtlingsbewegungen ist so gravierend
wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht. Und es ist aus der Perspektive
des wohlhabenden Kontinents Europa anhand dieser nüchternen Zahl
ebenso wenig greifbar wie die Zahl der Opfer des Zweiten Weltkriegs,
die mindestens ebenso hoch geschätzt wird. 60 Millionen Menschen, das
sind fast ebenso viele, wie Großbritannien und Italien als Staaten
jeweils an Einwohnern zählen. Allein in Nordrhein-Westfalen sollen in
diesem Jahr 100.000 Flüchtlinge ankommen. Menschen, die in höchster
Existenzangst schweben und ein Recht darauf haben, hier willkommen
geheißen zu werden und eine Perspektive zu bekommen. So fehlt es
seitens der Politik nicht an wohlmeinenden Appellen und
Absichtsbekundungen anlässlich dieses Gedenktages. Doch fundamental
weitergebracht haben sie unsere Gesellschaft beim Umgang mit dem
Flüchtlingsthema nicht – noch nicht, so ist zu hoffen. Innenpolitisch
wird das Flüchtlingsthema zunächst einmal sehr nüchtern und
verwaltungsmäßig angegangen. Es geht um Unterbringungsquoten in den
einzelnen Bundesländern und die Finanzierung der Übergangsheime, die
die Kommunen einzurichten haben. Als akute Reaktion ist das zunächst
verständlich. Doch Hilfsorganisationen machen auf tiefgreifende
Missstände aufmerksam, darunter das Kinderhilfswerk Terre des Hommes.
So seien im Vorjahr allein 10.000 unbegleitete Flüchtlinge unter 18
Jahren in Deutschland angekommen; viele von ihnen schwer psychisch
traumatisiert. Allein 41.000 Minderjährige warten auf eine
Entscheidung über ihren Asylantrag, 25.000 davon haben nur den
Duldungsstatus. Welch eine Verantwortung für unser Land, das zu den
reichsten dieser Welt zählt. Es kann nicht sein, dass Deutschland,
Europa und die westliche Welt an dieser Stelle versagen. Das
Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen warnt schon davor, man
riskiere, eine ganze Generation an Konflikt und Hunger zu verlieren.
Ob dies am Ende zutrifft oder nicht: Die Flüchtlingsströme rund um
den Erdball hinterlassen Narben in der Menschheit, die auf lange Zeit
nicht verheilen werden. Die Politik des Westens hat sich angewöhnt,
trotz dieser nicht endenden Problematik lieber nicht die Systemfrage
zu stellen. Denn natürlich weisen seriöse Wissenschaftler weltweit
darauf hin, dass die wachsenden Diskrepanzen zwischen den „reichen“
und den „armen“ Ländern und Kontinenten einen großen Einfluss auf die
Flüchtlingsbewegungen in der Welt haben. Diesen Beobachtungen hat
sich nun auch Papst Franziskus angeschlossen. Seine jüngst
verbreitete Umweltenzyklika deuten Beobachter vielmehr als
Sozialenzyklika. Es sei unerlässlich, einen Gang zurückzuschalten,
schreibt Franziskus den wohlhabenden Industriestaaten ins Stammbuch
und stellt dabei Zusammenhänge zwischen selektivem Konsumverhalten
einiger und dem weltweiten Klimawandel her. Wenn Franziskus damit
eine Kultur der neuen Nachdenklichkeit angestoßen habe sollte, wäre
schon viel erreicht.

Pressekontakt:
Neue Westfälische
News Desk
Telefon: 0521 555 271
nachrichten@neue-westfaelische.de

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