Neue Westfälische (Bielefeld): Zahl der Anträge auf Pflegeleistungen steigt stark Gelebte Solidarität Matthias Bungeroth

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Auf den ersten Blick könnte uns diese Nachricht
nachdenklich stimmen. Die Zahl der Menschen, die Leistungen aus der
Pflegeversicherung beantragen, ist im ersten Quartal dieses Jahres
stark angestiegen. Ein Plus von rund 68 Prozent bei den Antragszahlen
meldet die mit 2,1 Millionen Versicherten nach eigenen Angaben größte
gesetzliche Krankenversicherung in Westfalen-Lippe, die AOK Nordwest.
Vordergründig steigt also die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in
der Region – und damit auch die Summe der zu zahlenden Leistungen für
die betroffene Personengruppe. Doch diese Entwicklung ist für die
beteiligten Sozialpartner sowie die Politik kein Grund, Alarm zu
schlagen. Im Gegenteil. Es ist die Bestätigung der These, die schon
viele Experten seit Jahren geäußert haben. Die Pflege nach
Minutenabrechnung hat sich nicht wirklich bewährt. Es ist gut, dass
unter dieses Modell ein Schlussstrich gezogen wurde. Gleichzeitig
haben nun Menschen mit geistigen und psychischen Beeinträchtigungen
eher die Möglichkeit, von Leistungen aus dem Pflegegesetz zu
profitieren. Dazu zählen unter anderem Menschen mit beginnender
Demenz, die sich aber noch selbst versorgen können. Die häusliche
Pflege wurde grundsätzlich gestärkt. Das ist ein Quantensprung der
seit Jahresbeginn geltenden Pflegereform. Er signalisiert eine Art
gelebte Solidarität der Versichertengemeinschaft, die signalisieren
soll: Pflegebedürftige Menschen sollen in die Lage versetzt werden,
so lange wie irgend möglich ihr Leben in den eigenen vier Wänden
gestalten zu können. Gleichzeitig soll ihnen dabei ein Höchstmaß an
Eigenständigkeit erhalten bleiben. Diese Vorteile des neuen Gesetzes
haben offenbar viele – überwiegend ältere – Menschen erkannt und
beantragen nun in größerer Zahl Pflegeleistungen. Das ist gut so.
Allerdings bleibt jetzt abzuwarten, ob die finanzielle Vorsorge des
Gesetzgebers, der durch zwei Beitragserhöhungen ein Finanzpolster von
rund sechs Milliarden Euro angelegt hat, um die höheren Ausgaben
abzufedern, auch ausreichen werden. Wenn die Reserven irgendwann
knapp werden sollten, wird die Gemeinschaft der Versicherten im Sinne
der pflegebedürftigen Menschen nachbessern müssen. Doch dies sollte
uns dann die Perspektive eines Alterns in Würde und Eigenständigkeit
wert sein.

Pressekontakt:
Neue Westfälische
News Desk
Telefon: 0521 555 271
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