neues deutschland: Kommentiert: Erblast

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Geschichtliche Ungleichheit lässt sich vererben.
Jene, die in der Bundesrepublik in den Nachkriegsjahrzehnten zu
Wohlstand gelangt sind, übertragen in diesen Jahren ihr Vermögen an
ihre Nachkommen. Wenn es keine tiefgreifende Reform der
Erbschaftsteuer gibt – wird sich dann nicht eine
Wohlstandsaristokratie verfestigen, die tendenziell westdeutsch ist
und weiß? Denn nicht zu Wohlstand gelangt sind in jener Zeit
Gastarbeiter, die an Fließbändern arbeiteten und Akkordlohn
erhielten, ihre Kinder erben heute wenig. Ebenso nicht zu Wohlstand
gelangt sind die meisten Bürger der DDR, auch ihre Kinder erben
wenig. Nun ist historische Gerechtigkeit ein heikles Thema. Über die
Frage, wann ungleiche Startbedingungen im Zeitenlauf beglichen sind,
wird man sich kaum einig werden. Auch sind die Fallstricke der
Identitätspolitik, in der Gruppen durch Klagen über erlittene
Ungerechtigkeit sich Vorteile im Wettbewerb um gesellschaftliche
Positionen erhoffen, augenscheinlich: Man blicke auf die USA, wo das
Gemeinwesen zersplittert, weil sich die öffentliche Debatte im
banalen Zwist erschöpft, wer am meisten Grund zum Jammern hat –
Homosexuelle, Afroamerikaner, Frauen oder doch: weiße Männer. Doch
sollte man deshalb verschweigen, dass die derzeitige Erbschaftsteuer
die Chancen der Nachkommen von Gastarbeitern schmälert und die
Annäherung von alten und neuen Bundesländern erschwert? Sicher nicht,
denn gerade hier erodiert die Gesellschaft.

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