neues deutschland: Wir haben zu wenig dagegen getan. Kommentar zu 700 neuen Opfern vor der Festung Europa

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Das Schlimmste ist, dass so viele Menschen
gestorben sind. Schon wieder. Inzwischen ist die Zahl der Opfer des
europäischen Grenzregimes auf fast 30 000 gestiegen.

Das Zweitschlimmste sind die Routinen, mit denen wir darauf
reagieren. Medien machen Schlagzeilen, Politiker empören sich,
Abänderung wird versprochen. Doch es geschieht nichts. Auch wir, die
wir uns solidarisch an der Seite derer sehen, die vor Not und Krieg
fliehen und die an der Festung Europa zugrunde gehen, müssen uns an
Tagen wie diesen fragen, ob das, was wie eine Haltung aussieht, nicht
doch in Wahrheit eine Zuschauerrolle ist, die zu überwinden wir
vielleicht nicht mutig genug waren in unserem doch recht bequemen
Leben.

Dieses Europa bringt Menschen um. Tausende. Es mauert sich ein und
nimmt den Tod so vieler Menschen in Kauf – um der Einhaltung falscher
Regeln Willen und um den eigenen, global über Jahrzehnte
zusammengeklauten Wohlstand abzusichern. Die Handlanger sind
Politiker, die die Aussicht auf die eigene politische Wiederwahl
nicht gefährden wollen, und deshalb im Grunde alles so belassen, wie
es ist. Pegida lässt tödlich grüßen.

Dieses Europa mordet, auch wenn das vielleicht nicht in einem
juristischen Sinne exakt formuliert sein mag.

Aber ist es nicht gemeingefährlich, in dem Wissen um die Not der
Vielen nichts zu unternehmen, um deren Leben retten, ihnen in Würde
das zu geben, was sie wollen und was wir uns leisten können: Asyl?
Ist es nicht Heimtücke, auf eine Flotte von bestens ausgerüsteten
Marineschiffen und sonstigen Booten zurückgreifen zu können, diese
aber in den Häfen zu belassen, während auf hoher See Menschen auf
verrosteten Kuttern den Tod finden? Ist es nicht Habgier, Flüchtlinge
nur deshalb und mit tödlichen Mitteln abzuwehren, weil diese hier an
einem materiellen Leben teilhaben wollen, das der Kapitalismus, den
wir selbst mit unserem Handeln am Laufen halten, den Armen der Welt
in ihrer Heimat nicht zugesteht? Und gibt es Grausameres, als
Menschen, die dem Tod durch Verhungern, durch marodierende Banden,
durch Waffen aus deutscher Produktion, durch die im Norden
angetriebene Umweltzerstörung gerade entkommen sind, auf dem Meer
ersaufen zu lassen?

Europa hat sich in seiner Charta seiner Grundrechte verpflichtet,
die Würde aller zu achten und zu schützen. »Jeder Mensch hat das
Recht auf Leben«, heißt es da zu Beginn. Es bleibt eine Lüge, solange
die Wirklichkeit so ist: Dieses Europa tritt die Würde von Menschen
und nimmt ihnen ihr Leben. Dieses Europa bringt Flüchtlinge um. Und
wir haben dagegen bisher zu wenig getan.

Pressekontakt:
neues deutschland
Redaktion

Telefon: 030/2978-1721

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