NRZ: Der Brexit ist ein Weckruf – ein Kommentar von MANFRED LACHNIET

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Wer am Donnerstagabend auf die Buchmacher vertraute,
lag am Ende völlig falsch. Während die Zocker in London siegesgewiss
auf den Verbleib Großbritanniens in der EU setzten, ging die
Wirklichkeit gnadenlos über sie hinweg. Die Lehre daraus: Wer die EU
als Spekulationsobjekt betrachtet, verliert. Vor allem das Vertrauen
der Menschen. Was passiert nun? Nach dem knappen Ja zum Brexit dürfte
der Urlaub auf der britischen Insel sicher günstiger werden. Im
Gegenzug kaufen die Briten bald weniger deutsche Autos, weil das
Pfund an Kaufkraft verliert. Aufträge und Jobs auf der Insel sind
gefährdet. Die Schotten drängen auf ihre Selbstständigkeit, die
Nordiren zieht es nach Irland. Diese nüchternen Einsichten waren den
Briten vor ihrer Stimmabgabe bekannt. Aber es war ihnen egal. Viel
stärker als die Einsicht überwog das Gefühl, von Brüssel aus
fremdbestimmt zu sein. Die anti-europäische Grundstimmung hatten
Populisten und viele Massenmedien auf der Insel gründlich
vorbereitet. Und es zeigt, wie gefährlich Volksentscheide sein
können. Auffallend ist, dass viele ältere Menschen für den Austritt
stimmten, während die Jungen eher „Yes“ zu Europa sagten. Ihr Traum
von einem Kontinent des unbeschwerten Reisens und des Austausches in
Job und Ausbildung ist zerplatzt. Aus per Abstimmung. Die
Stimmungsmacher in ganz Europa reiben sich bereits die Hände. Und es
muss alarmieren, wenn in einer angeblich aufgeklärten Gesellschaft
das Schüren und Zündeln so gut funktionieren kann. Das erleben wir
gerade auch in unserem Land. Doch trotz aller Bestürzung über das
Votum besteht kein Anlass zur Resignation oder gar zum Beleidigtsein:
Etwa, wenn man den Briten nun die kalte Schulter zeigte, nach dem
Motto: Jetzt werden wir euch zeigen, was ihr davon habt! – Das würde
die Brexit-Befürworter in ihrer Sturheit nur bestärken. Wichtig ist,
dass die Idee von Europa nicht von der Marktwirtschaft bestimmt wird,
sondern aus dem Herzen kommt. Dazu bedarf es Politiker, die die
Vorzüge des gemeinsamen Handelns wahrhaftig und überzeugend erklären
anstatt den drohenden Zeigefinger etwa nach Griechenland richten. Es
rächt sich, wenn Banken gerettet – aber die Menschen in ihrer Not
allein gelassen werden. Wer so handelt, gefährdet den Gemeinsinn. Der
europäische Gedanke ist eben viel mehr als nur freie Kapitalströme.
Er bedeutet Freiheit, Austausch, Vielfalt und vor allem: Frieden. Wie
konnte halb England das vergessen? Der Brexit ist daher ein Weckruf.
Wer das nicht begreift, verspielt die Zukunft der Menschen, die auf
diesem Kontinent leben.

Pressekontakt:
Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung
Redaktion

Telefon: 0201/8042616

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