NRZ: Die Gesellschaft ist nicht schutzlos – ein Kommentar von JAN JESSEN

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Ein neuer Tag, eine neue Schreckensmeldung.
Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach. Die Verdichtung des Horrors
lässt schaudern. Der junge Mann, der sich vor einem Musikfestival in
die Luft gesprengt und mehr als ein Dutzend Unschuldige verletzt hat,
hat sich allem Anschein nach von radikalen Islamisten zu seiner Tat
inspirieren lassen. Er war aber wohl vor allem eins: psychisch krank.
Psychische Erkrankungen können sich in extremen Fällen auf eine
mörderische Art entladen, der Absturz der Germanwings-Maschine im
vergangenen Jahr war dafür ein grauenhaftes Beispiel. Manchen
instabilen Menschen dienen radikale Ideologien als Projektionsfläche,
um ihren Vernichtungsfantasien einen Sinn zu geben – übersteigerter
Nationalismus, Dschihadismus, all jene Verwirrungen, die Leben in
wert und unwert einteilen. Diese Inspirationsquellen müssen
ausgetrocknet werden. Eine Lehre aus den vergangenen Tagen sollte
aber auch sein, dass das immer noch viel zu löchrige Netz an
psychotherapeutischen Hilfsangeboten ausbaubedürftig ist. Menschen,
die mit ihrem Wahn, ihrer Depression, ihrer Verwirrung, ihrer Wut
allein bleiben, deren Zustand nicht rechtzeitig und nicht richtig
diagnostiziert wird, können zu einer Gefahr für sich und die
Gesellschaft werden. Genaueres Hinschauen kann Leben retten.

Die Diskussion wird wohl aber in eine andere Richtung laufen. Der
Täter von Ansbach war ein syrischer Flüchtling. Schon während des
Amoklaufs in München geiferten viel zu viele in den sozialen
Netzwerken gegen Flüchtlinge, gegen den Islam, aus etlichen
Kommentaren ließ sich eine mehr als klammheimliche Befriedigung
herauslesen, dass „der Terror“ Deutschland erreicht habe; bis klar
wurde, dass die Tat ein unpolitischer Amoklauf eines Deutschen mit
iranischen Wurzeln war. Nach Ansbach werden sich die Hetzer in ihrer
blinden Abneigung gegen Flüchtlinge und Zuwanderer bestätigt fühlen.
Natürlich tauchen nach all den schrecklichen Ereignissen auch wieder
reflexhaft die Forderungen nach mehr Polizei, nach mehr Überwachung,
nach strengeren Sicherheitsgesetzen und konsequenteren Abschiebungen
auf. Das ist die weiße Salbe, mit der Ängste beruhigt werden sollen.
Diese Forderungen erreichen aber das Gegenteil: Sie suggerieren, dass
diese Gesellschaft schutzlos ist. Das ist sie nicht. Sie ist
wehrhaft, wenn sie sich nicht von der Angst durchdringen lässt. Angst
erzeugt Misstrauen, Wut, Ablehnung, allzu oft Hass. Hass gebiert
neuen Hass. Eine Gesellschaft in einem solchen Teufelskreis wäre
wirklich ernsthaft bedroht.

Pressekontakt:
Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung
Redaktion

Telefon: 0201/8042616

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