Ostthüringer Zeitung: Jörg Riebartsch kommentiert: Feilen an der Tonalität

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Es war im Mai 1991 in Halle: Vor dem Stadthaus wird
Helmut Kohl, CDU, bei einer Kundgebung aus der Menge heraus mit Eiern
beworfen. Der Einheitskanzler rastet aus, versucht gegen einzelne
Täter handgreiflich zu werden. Mit Mühe können die Sicherheitsbeamten
das Schwergewicht zurückhalten und das Volk vor ihm schützen. Halle
ist für Politiker offenbar ein Pflaster, auf dem man leicht die
Beherrschung verliert. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow
fühlte sich dort durch Antifa-Aktivisten so bedrängt, dass er diese
anpöbelte. Der hiesige Linke-Regierungschef findet es nämlich
ungehörig, dass die Antifa vor dem Privathaus des
AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke demonstrieren will.
Nazi-Vergleiche machten die Runde. Und das empörte wieder die
Linksaußen-Szene. Darf sich der Ministerpräsident eines Landes gehen
lassen und beschimpfend ausrasten? Staatskanzleiminister
Benjamin-Immanuel Hoff rechtfertigte die Entgleisung mit der
Feststellung, auf einen groben Klotz gehöre ein grober Keil. Das war
wenig klug. Denn alttestamentarische Rachegelüste nach dem biblischen
Vorbild Auge um Auge, Zahn um Zahn, haben auf einer Regierungsbank
nichts zu suchen, auch wenn lange bekannt ist, dass die Linkspartei –
übrigens ebenso wenig wie die AfD – nicht für den diplomatischen
Dienst geeignet ist. Auch wenn es schwer fällt: Bundeskanzler wie
Ministerpräsidenten müssen sich im Griff haben. Schließlich will man
nicht nur hoffen, dass Regierungspolitik nachdenklich und kühlen
Kopfes betrieben wird. Zudem lenkt Ramelows Ausraster davon ab, dass
er in der Sache vollkommen Recht hat. Ob man Höcke, der zuweilen als
verbaler, völkischer Lumpensammler in Erscheinung tritt, mag oder
nicht, ob Politiker in Links- oder Rechtsauslage – Privatsphäre muss
gewahrt bleiben können. In Thüringen wurden in der Vergangenheit
Politiker mit Schmierereien an Häusern, zerstochenen Reifen und
körperlichen Bedrohungen bereits zu oft genötigt. Ramelow tut wohl,
dies parteiunabhängig anzuprangern. Nur an der Tonalität muss er noch
feilen.

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