Prager Totentanz in Stuttgart

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Zur Förderung der Kultur der deutschen Heimatvertriebenen wurde bereits im Jahre 1953 ein eigenes Gesetz erlassen. Das Bundesvertriebenengesetz verpflichtet im Sechsten Abschnitt zu den Themen ?Kultur, Forschung und Statistik? in § 96 Bund und Länder ??das Kulturgut der Vertreibungsgebiete in dem Bewusstsein der Vertriebenen und Flüchtlinge, des gesamten deutschen Volkes und des Auslandes zu erhalten, ??.
Dies zeigt einerseits die große Bedeutung und andererseits den kulturellen Reichtum, den die deutschen Heimatvertriebenen besaßen und noch besitzen. Viele Kulturgüter in der Heimat gingen verloren. Andere konnten jedoch dank des großartigen Einsatzes der deutschen Heimatvertriebenen in den vergangenen sieben Jahrzehnten ganz im Sinne des § 96 Bundesvertriebenengesetzes gerettet und erhalten werden.
Jährlich treffen sich in Stuttgart deutsche Heimatvertriebene und Interessierte zur Landeskulturtagung des Bundes der Vertriebenen und der Sudetendeutschen Landsmannschaft. In diesem Jahr galt es anlässlich des Endes des Zweiten Weltkrieges und dem Beginn von Flucht und Vertreibung vor 70 Jahren einen Rückblick zu wagen. Ein Rückblick allein wäre jedoch weder im Sinne des Bundesvertriebenengesetzes, das ausdrücklich auch fordert ?? die Weiterentwicklung der Kulturleistungen der Vertriebenen und Flüchtlinge zu fördern.? Er wäre auch nicht im Sinne der deutschen Heimatvertriebenen, die in den vergangenen Jahrzehnten zu Brückenbauern der europäischen Geschichte wurden.
Grußworte sprachen, Klaus Hoffmann, Landesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft, der stellvertretende BdV-Landesvorsitzende Hartmut Liebscher, Dr. Herbert Fechtner, Landesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft Brandenburg und Albert Reich, der als Landeskulturreferent von BdV und SL auch diese Landeskulturtagung in Stuttgart vorbereitet hatte. Klaus Hoffmann betonte dabei ?die Kultur der deutschen Heimatvertriebenen bereichert das kulturelle Leben in ganz Deutschland. Sie zu erhalten und zu entwickeln ist Aufgabe aller Heimatvertriebenen und der politisch Verantwortlichen.?
Zu Beginn sprach Dr. C. Absmeier, Leiterin des Hauses der Heimat in Stuttgart über Auftrag und Arbeit des Hauses. Im Anschluss ihres Vortrags bestand die Möglichkeit die aktuelle Ausstellung ?Gerhart Hauptmann ? Dichter der Menschlichkeit? zu besichtigen. Breiten Raum nahm das Gedenkjahr des Jan Hus ein, das im nächsten Jahr in Konstanz begangen wird. 600 Jahre gemeinsame Geschichte in Mitteleuropa spiegeln sich hier wieder. Prof. Dr. Zettl brachte Jan Hus den Tagungsteilnehmern in Stuttgart näher und blickte auf das geplante Hus-Jahr 2016 voraus. Wie sieht die Presse 70 Jahre nach Beginn der Vertreibungen und Flucht heute aus? Darüber sprach Gernot Facius, ausgewiesener Kenner der Materie. Kritisch beleuchtete er die Situation aus Blickrichtung der Presse, aber auch aus Blickrichtung der deutschen Heimatvertriebenen. ?Vom Blinden Jüngling 1735 zum Prager Totentanz 1958? lautete der Vortrag von Roland Heina. Von Prophezeiungen zur böhmischen Geschichte bis zu den Ereignissen nach dem Zweiten Weltkrieg in Prag mit der Vertreibung der Deutschen reichte hier der Spannungsbogen.
Nach einem gemeinsamen Singen unter der Leitung von H. Preisenhammer, Träger des SL-Volkstumpreises wurde die Landeskulturtagung mit dem Film ?Zwischen Verlust und Verantwortung? von Dr. M. Posselt, ausgestrahlt bei ARD-alpha, fortgesetzt. Einen kritischen Blick auf die vergangenen sieben Jahrzehnte warf der Landesobmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Klaus Hoffmann, in seinem Vortrag ?Der Spagat – 70 Jahre im Jetzt und Gestern?. Er ging auf die Bedeutung der Heimatvertriebenen beim Wiederaufbau Deutschlands genauso ein, wie auf Menschenrechtsverletzungen und fehlende Wiedergutmachung bis heute. Seine kritische Würdigung schloss er mit den positiven Entwicklungen der letzten Monate und den sich bietenden Möglichkeiten im grenzüberschreitenden Austausch. Schließlich forderte Hoffmann die Teilnehmer auf ?Lassen Sie uns Freunde suchen ? auf beiden Seiten ? und lassen Sie uns Brücken bauen!? A. Schläger, SPD, schließlich brachte den deutschen Kulturraum im Herzen Europas nach Stuttgart. ?Grenze verbindet ? Deutschland und Böhmen ein Kulturraum im Herzen Europas? lautete sein Vortrag und betonte nicht das Trennende zwischen beiden Ländern, sondern das Verbindende.
Albert Reich beendete die wieder gut organisierte Landeskulturtagung mit einem Dank an die Referenten, die Teilnehmer und an das Haus der Heimat in Stuttgart. Der Dank aus den Reihen der Teilnehmer an Albert Reich zeigte wie gut die Tagung gelungen war.
Klaus Hoffmann schloss sich dem Dank von A. Reich an und lud ein die Landeskulturtagung 2016 zu besuchen. Für diese wird wieder die Sudetendeutsche Landsmannschaft in Baden-Württemberg die Federführung übernehmen. Ort, Zeit und Thema sind erstmals überhaupt in der Geschichte der Landeskulturtagung bereits bekannt. ?Karl IV. ? Vater des Vaterlandes? wird Titel der Landeskulturtagung 2016 im Haus der Heimat am 23. und 24. September 2016 in Stuttgart sein. Klaus Hoffmann sagte ?Karl IV. gehört zu den bedeutendsten Herrschern der deutschen und böhmischen Geschichte. Die Landeskulturtagung 2016 versucht eine kritische Würdigung Karl IV., seiner Herrscherpersönlichkeit und seines Herrschaftskonzepts, sowie seiner Bedeutung für Mitteleuropa. Wir freuen uns schon heute auf viele Besucher unserer Landeskulturtagung im nächsten Jahr.?

Wir vertreten die im Land Baden-Württemberg wohnenden Sudetendeutschen.
Die Nachfahren jener Deutschen, die vor mehr als 800 Jahren in den sogenannten „Böhmischen Ländern“, nämlich in Böhmen, Mähren und dem südlichen Teil Schlesiens (diese Länder bilden heute die „Tschechische Republik“) ansässig geworden sind, wurden in diesem Jahrhundert unter dem Sammelnamen „Sudetendeutsche“ bekannt.
1945/46 wurden 3,2 Millionen von den insgesamt 3,5 Millionen Sudetendeutschen aus ihrer Heimat vertrieben, ihr Eigentum wurde entschädigungslos konfisziert. Konfiskation und Vertreibung waren begleitet von blutigen Exzessen. Grundlage dieser gegen Menschen- und Völkerrecht verstoßenden „ethnischen Säuberung“ bildeten Dekrete, die vom damaligen tschechoslowakischen Staatspräsidenten Edvard Bene? erlassen worden waren und die heute noch gültig sind.
Rund 600 000 dieser vertriebenen Sudetendeutschen kamen nach Baden-Württemberg, wo sie sich eine neue Existenz aufbauten und in das wirtschaftliche, gesellschaftliche, kulturelle und politische Leben eingegliedert wurden. Sie fanden sich in zahlreichen Vereinigungen zusammen, deren Grundlage ganz verschiedenartig war: Herkunftsgebiete, politische oder kulturelle Interessen, Freizeitgestaltung, berufliche Gemeinsamkeiten und manches mehr.
Jeder 15. Einwohner Baden-Württembergs ist Sudetendeutscher. Heute gibt es in Europa und Übersee insgesamt rund 3,8 Millionen Sudetendeutsche. Rund 600 000 von ihnen kamen im Zuge der Vertreibung aus ihrer Heimat nach dem 2.Weltkrieg nach Baden-Württemberg. Gemeinsam mit der einheimischen Bevölkerung trugen sie in der Nachkriegszeit zum Wiederaufbau des Landes bei. Durch ihre Stimmabgabe bei der Volksabstimmung 1952 waren sie wesentlich am Zustandekommen des „Südweststaates“ beteiligt. Die für Baden-Württemberg kennzeichnende Ausgewogenheit zwischen großen Weltfirmen, Mittel- und Kleinbetrieben hat die wirtschaftliche Eingliederung der Sudetendeutschen und die Gründung neuer Werke und Fabriken durch sudetendeutsche Unternehmer in besonderem Maße erleichtert. Stellvertretend dafür seien genannt die Autofirma Porsche in Stuttgart, die Wiesenthal-Glashütte in Schwäbisch Gmünd, die Aluminium-Hütte Grohmann in Bisingen,die Maschinenfabrik Panhans in Sigmaringen, die Papierwerke Zechel in Reilingen,das Pharmawerk Merckle in Blaubeuren, dazu zahlreiche weitere mittlere und kleinere Betriebe.
27 Städte und Gemeinden Baden-Württembergs übernahmen Patenschaften über sudetendeutsche Kreise, Gemeinden und Landschaften. Insgesamt 24 kulturelle sudetendeutsche Einrichtungen – wissenschaftliche Gesellschaften, Archive, Büchereien, Sammlungen, Heimatstuben – wurden durch eigene Kraft der Sudetendeutschen und mit Hilfe öffentlicher Stellen in Baden-Württemberg aufgebaut.
Aus dem kulturellen Leben des Landes sind manche Namen von Sudetendeutschen nicht mehr wegzudenken, wie z. B. der Bildhauer Prof. Otto H. Hajek, die Tänzerin Birgit Keil, die Komponisten Karl-Michael Komma und Widmar Hader, der weltbekannte Posaunist Armin Rosin, die Dirigenten Wolfgang G. Hofmann und Emmerich Smola, die Malerin Traude Teodorescu-Klein oder der Dichter und Schriftsteller Josef Mühlberger – um nur einige wenige stellvertretend zu nennen.
Das Sudetenland im Vergleich zur Fläche einzelner deutscher Bundesländer
Bayern 70550 km2
Baden-Württemberg 35750 km2
Sudetenland 26500 km2
Hessen 21100 km2
Schleswig-Holstein 15700 km2
Saarland 2600 km2
Die kulturelle Verflechtung der Sudetendeutschen mit den übrigen deutschen Ländern und Landschaften ist seit Jahrhunderten eng und vielgestaltig.
Beispiele sind: Der schwäbische Baumeister Peter Parler aus Schwäbisch Gmünd, der im 14. Jahrhundert u. a. den Veitsdom in Prag erbaute, oder der aus dem Egerland kommende Barockbaumeister Balthasar Neumann, der nicht nur die Würzburger Residenz, sondern z. B. auch berühmte Treppenhäuser in Brühl und Bruchsal schuf. Auch andere Namen, herausgegriffen aus einer großen Zahl, beweisen den lebendigen Anteil, den die Deutschen aus den böhmischen Ländern am geistigen Leben des gesamten deutschen Volkes hatten und haben: Der Komponist Johann Wenzel Stamitz aus Deutsch-Brod beispielsweise, der später in Mannheim wirkte, Vinzenz Prießnitz und Johann Schroth, die großen Naturheiler, der Brünner Abt Gregor Mendel, dessen Vererbungslehre zur Grundlage moderner Genetik wurde, die Friedensnobelpreis-Trägerin Bertha von Suttner, die Dichter Rainer Maria Rilke, Adalbert Stifter, Marie von Ebner-Eschenbach, die Maler Alfred Kubin oder Ferdinand Staeger, aber auch die Bamberger Symphoniker, die nach der Vertreibung aus den „Prager Deutschen Philharmonikern“ hervorgegangen waren, oder auch der Schriftsteller Otfried Preußler aus Reichenberg, dessen „Räuber Hotzenplotz“ und „Kleine Hexe“ heute Millionen Kinder und Erwachsene erfreuen.
Die Organisationen der Sudetendeutschen spiegeln in ihrer Vielfalt und Vielschichtigkeit das Leben und die Interessen der Angehörigen dieser Volksgruppe wider. Im politischen, kulturellen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, beruflichen, sozialen und gesellschaftlichen Bereich gibt es sudetendeutsche Zusammenschlüsse, aber auch auf Generationsebene und im Bereich der Freizeitgestaltung.
In Baden-Württemberg gibt es heute 27 größere sudetendeutsche Vereinigungen, von denen viele noch Untergliederungen auf Orts- und Kreisebene haben.
Mehrere sudetendeutsche Zeitschriften werden in Baden-Württemberg herausgegeben, ebenso haben verschiedene sudetendeutsche Stiftungen, Institute und Gesellschaften ihren Sitz in diesem Lande.
Die Sudetendeutschen im Vergleich zur Einwohnerzahl verschiedener Staaten
Norwegen 4,1 Mio
Sudetendeutsche 3,8 Mio
Irland 3,3 Mio
Albanien 2,7 Mio
Luxemburg 0,36 Mio
Island 0,23 Mio

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