Rheinische Post: Die SPD hat sich beinahe zu Tode gesiegt

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Deutschland ist heute ein zutiefst
sozialdemokratisch geprägtes Land, im Guten wie im Schlechten. Es ist
auf sozialen Ausgleich bedacht, der in seinen Übertreibungen zu einer
Gleichmacherei führt, die Spitzenleistung ebenso erschwert wie echte
Leistungsbeurteilung. Negativ könnte man formulieren: Das Mittelmaß
ist allzu oft das gängige Maß – in der Arbeitswelt, in der
Streitkultur, in der Wissenschaft. Elite und kompromisslose
Auseinandersetzung gelten als „Turbo-Kapitalismus“ und werden
allenfalls im Fußballstadion geduldet. Neid ist der hervorstechende
zeitgenössische deutsche Charakterzug. Gleichzeitig bewahrt das
Mittelmäßige am Sozialdemokratischen unser Land vor den fatalen
Folgen der Übertreibung. Aus unfassbarem historischen Schaden klüger
geworden, sind wir ein sozialstaatliches Musterland, dem die
aktuellen Verwerfungen wie im Süden Europas, massenhafte
Jugendarbeitslosigkeit oder Millionen ohne Krankenversicherung fremd
sind. Auch der Rechtsstaat ist gefestigt. Auf hohem Niveau ähnlich
faszinierend und zwiespältig wie die Bilanz des Landes ist auch die
seiner ältesten Partei, der SPD, die vor 150 Jahren in Leipzig als
Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein gegründet wurde. Die
Sozialdemokraten haben in ihrer Geschichte nur etwa 30 Jahre lang
Regierungen geführt, sie haben jedoch besonders die jüngeren
gesellschaftlichen Entwicklungen geprägt. Die SPD war immer auch
staatstragend. Es gab Reformen, etwa die Agenda 2010, die wohl nur
von einer SPD-Regierung ohne Aufstand angepackt werden konnten. Die
SPD hat dabei die Notwendigkeit staatlichen Fortschritts über eigene
Interessen gestellt. Das ist ebenso ihr Verdienst, wie etwa der
Widerstand eines Otto Wels gegen die Nazis historisches Verdienst
bleibt. Viele sozialdemokratische Ziele sind bis zur erwähnten
Übertreibung verwirklicht, angefangen vom Sozialstaat bis zu
Bildungsreformen. Auch erlebt die SPD wie ein erfolgreicher Konzern,
dass ihre Ideen vom politischen Gegner übernommen werden. Angela
Merkels CDU hat darin eine wahre Meisterschaft entwickelt: von der
Familienpartei bis zur Frauenquote. Die SPD, das ist die Wurzel ihrer
heutigen Selbstzweifel, hat sich beinahe zu Tode gesiegt. Mit ihr
schreitet nicht mehr, wie auf SPD-Parteitagen noch gesungen wird, die
neue Zeit, diese ist vielmehr weitergewandert: zu den Grünen, zur
aufgeklärten Bürgerlichkeit der Merkel-CDU, zum
Liberal-Individualistischen und ins Lager der Verdrossenen. So bleibt
die Gratulation an die allzu graugesichtige Jubilarin mit der Sorge
um deren Gesundheit verbunden.

Pressekontakt:
Rheinische Post
Redaktion

Telefon: (0211) 505-2621

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