Rheinische Post: Historiker Borgolte schlägt muslimisches Zuckerfest als gesetzlichen Feiertag vor

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Als Konsequenz aus der Flüchtlingskrise hat der
Historiker Michael Borgolte einen muslimischen Feiertag in
Deutschland angeregt. „Ich könnte mir vorstellen, dass man, wenn der
Anspruch der muslimischen Mitbürger auf Partizipation zunimmt, etwa
das muslimische Zuckerfest als gesetzlichen Feiertag einführt“, sagte
Borgolte, der an der Berliner Humboldt-Universität mittelalterliche
Geschichte lehrt, der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“
(Montagausgabe). Er fügte hinzu: „Das würde unser Bewusstsein sehr
grundsätzlich ändern, da dann neben politische und christliche
Feiertage muslimische träten. Das ist natürlich reine Spekulation,
aber ohne Änderung unseres Lebensstils wird es nicht gehen.“
Borgolte, der als Experte für die Zeit der Völkerwanderung gilt,
kritisierte zudem die Verwendung dieses Begriffs in der
Flüchtlingsdebatte. Das beruhe „auf falschen Voraussetzungen“: „In
Deutschland gibt es die panische Angst vor dem Verlust von Kultur und
Selbstbestimmung und davor, einen Prozess nicht mehr administrativ
beherrschen zu können. Da erscheint der Nationalstaat vielen als
Sicherung gegen das Chaos. Dabei war die Völkerwanderung größtenteils
gar kein chaotischer Vorgang.“

Kompletter Text:

Was sagt der Historiker zum Begriff der neuen Völkerwanderung?
Borgolte Angesichts dieser massenhaften Zuwanderung ist das durchaus
nachvollziehbar, beruht aber auf falschen Voraussetzungen. Warum
eigentlich? AfD-Vizechef Alexander Gauland hat kürzlich von der Zeit
gesprochen, „als das Weströmische Reich von den Barbaren überrannt
wurde“. Das klingt wie die klassische Interpretation. Borgolte Das
ist aber zunächst mal alles falsch – nur in Ausnahmefällen kann von
Überrennen die Rede sein, und das Gleiche gilt für die Annahme
organisierter Masseninvasionen. Richtiger ist es, sich Gruppen
vorzustellen, die hintereinander hergezogen sind und dann in der
Summe eine Bevölkerungsverschiebung verursacht haben. Diese Gruppen
haben sich aber ethnisch immer wieder neu zusammengesetzt und
getrennt. Wie viele sind damals gewandert? Borgolte Das ist sehr
umstritten. Der Kirchenvater Hieronymus berichtet, 80.000 Germanen
hätten den Rhein überquert. Und als die Langobarden 568 nach Italien
einwanderten, sollen 100.000 Menschen gekommen sein – inklusive
Frauen, Kinder und Greise. Die Zahl ist aber nicht belegt.
Realistisch sind die 20.000 Sachsen, die die Langobarden begleitet
haben sollen. Auf jeden Fall waren es keine Millionen. Die
Maximalzahl für einzelne Wanderungen, von der die Forschung heute
ausgeht, liegt etwa bei 80.000 bis 100.000 Menschen. Also eine krasse
Minderheit. Borgolte Ja. Italien hatte im 6. Jahrhundert etwa fünf
bis sechs Millionen Einwohner. Es geht also vielleicht um zwei
Prozent der Gesamtbevölkerung – ähnlich wie heute, wenn zu 80
Millionen Deutschen eine Million Flüchtlinge kommt. Wie konnten so
wenige eine solch epochale Wirkung haben? Borgolte Letztlich wissen
wir das nicht. Es muss aber mit Organisationskraft zu tun haben und
mit der Bereitschaft der aufnehmenden Bevölkerungen, sich neuen
Kulturen zu öffnen. Und mit Gewalt, das will ich gar nicht in Abrede
stellen. Kam erst die Völkerwanderung oder erst der Niedergang Roms?
Borgolte Rom stellte zunächst barbarische Heerführer und deren
Soldaten in seine Dienste, um die Grenzen zu sichern. Dadurch lernten
die Germanen das gute Leben im Reich kennen; das hat dann eine
Sehnsucht nach diesem Leben ausgelöst. Der Verfall der Zentralgewalt
kam hinzu, schließlich verstärkte sich die Zuwanderung ins Reich, die
zu einer politischen Neuorganisation führte. Wer kam da? Die Armen
oder die, die es sich leisten konnten? Borgolte Die ersten
Kundschafter waren vor allem Militärs und Diplomaten, also eher
Angehörige der Oberschicht. Dann aber zogen alle mit – das war eine
echte Migration: Man gab die Heimat auf und konnte nicht mehr zurück.
Gab es demografische Notwendigkeit? Germanischen Geburtendruck?
Borgolte Nein. Insgesamt kann davon keine Rede sein. Warum ist
„Völkerwanderung“ heute überhaupt noch ein Begriff für die politische
Auseinandersetzung? Borgolte Unser Wort ist ja noch harmlos. Briten,
Franzosen und Italiener sprechen von der Invasion der Barbaren, was
den kulturellen Zusammenbruch betont. In Deutschland gibt es die
panische Angst vor dem Verlust von Kultur und Selbstbestimmung und
davor, einen Prozess nicht mehr administrativ beherrschen zu können.
Da erscheint der Nationalstaat vielen als Sicherung gegen das Chaos.
Dabei war die Völkerwanderung größtenteils gar kein chaotischer
Vorgang. Und obendrein kannten sich ja beide Seiten – Germanen waren
Roms Helfer und Gegner zugleich. Schon Jahre vor der Flüchtlingskrise
hat Guido Westerwelle von „spätrömischer Dekadenz“ in Deutschland
gesprochen. Wer war damals dekadent, und wer ist es heute? Borgolte
Dekadenz ist ein moralisierender Kampfbegriff, der nicht weiterhilft.
Verfallserscheinungen gibt es in jeder Gesellschaft, Innovationen
auch. Das ist so richtig wie banal. Die Frage ist, welche Mentalität
sich so verfestigt, dass daraus politischer Handlungsdruck wird. Ihr
britischer Kollege Niall Ferguson hat die Anschläge von Paris auf
moralischen Verfall zurückgeführt. Borgolte Ich sehe das nicht. Die
europäischen Staaten, besonders Deutschland, befinden sich auch nicht
annähernd in einem so desolaten Zustand wie das Römische Reich
damals. Meine Studenten sind voller Dynamik und Zuversicht, die
kulturellen Herausforderungen zu bestehen. Sie freuen sich sogar
darauf, sie lernen zum Beispiel unaufgefordert Arabisch. Das ist
nicht dekadent, sondern realistisch. Kultur ist ein ständiger
Änderungsprozess, Stillstand gibt es nicht, Sesshaftigkeit ist
weltgeschichtlich betrachtet ein Ausnahmephänomen. Das ist der Gang
der Dinge. Hinter Dekadenz-Vorwürfen steckt doch aber immer auch eine
religiöse Dimension, die sich um Islam und Christentum dreht.
Borgolte Tja – früher war es die „rote Gefahr“, heute der Islam. Was
bedeutet das? Irgendein Schreckbild brauchen wir eben? Borgolte Ja.
Natürlich gibt es auch echte Konflikte, die so alt sind wie die
Religionen selbst. Vor allem werden da aber alte Muster neu belebt,
die sich nur neue Inhalte suchen – wie die Angst vor dem Islam. Was
lässt sich aus der Völkerwanderung für unseren Umgang mit der
Flüchtlingskrise lernen? Borgolte Erstens, dass wir solche Bewegungen
allenfalls lenken, aber nicht aufhalten können. Zweitens, dass wir
aber viel tun können, damit dieser Prozess fruchtbar wird. Wir dürfen
die Neuankömmlinge zum Beispiel auf keinen Fall in Ghettos
abschieben, wie es die Franzosen mit den Banlieues gemacht haben. Die
Begegnung mit den Einheimischen muss möglichst eng sein. Nur so
können beide Seiten erkennen, dass sie voneinander profitieren – wenn
sie bereit sind, sich zu ändern. Was heißt das konkret? Borgolte Ich
könnte mir vorstellen, dass man, wenn der Anspruch der muslimischen
Mitbürger auf Partizipation zunimmt, etwa das muslimische Zuckerfest
als gesetzlichen Feiertag einführt. Das würde unser Bewusstsein sehr
grundsätzlich ändern, da dann neben politische und christliche
Feiertage muslimische träten. Das ist natürlich reine Spekulation,
aber ohne Änderung unseres Lebensstils wird es nicht gehen. Helfen
Zäune? Der Limes hat ein paar Hundert Jahre gehalten. Borgolte Im
Prinzip nein. Zäune mögen die Ströme kanalisieren, aber sie können
Leute, die so verzweifelt sind, dass sie für ihre Kinder keine
Zukunft in ihrer Heimat sehen, nicht daran hindern, anderswo ihren
Lebensmittelpunkt zu suchen. Dauerhafte Abschottung macht die
Konflikte nur noch schlimmer.

Pressekontakt:
Rheinische Post
Redaktion

Telefon: (0211) 505-2621

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