Rheinische Post: Köhler wirft Europa „Heuchelei“ in Afrika-Politik vor / 150 Milliarden Euro Infrastruktur-Bedarf jährlich

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Einen Tag vor der Afrika-Reise von
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat der frühere Bundespräsident Horst
Köhler dem Westen in der Afrika-Politik Heuchelei und koloniales
Denken vorgeworfen und ein milliardenschweres Investitionsprogramm
gefordert. „Wir haben die Bedeutung Afrikas zu lange unterschätzt.
Ich will mal die Dimension zuspitzen: Die Entwicklung dieses
Kontinents ist für den Westen genauso wichtig wie die Verhinderung
eines neuen Kalten Krieges mit Russland“, sagte Köhler der in
Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“ (Samstagausgabe). „Afrika
ist eine historische Aufgabe, die Europa und der Westen viel zu lange
vernachlässigt haben.“ Auf die Frage, ob es noch altes Kolonialdenken
im Westen gebe, sagte Köhler. „Im Prinzip ja. Der Westen nimmt Afrika
oft nur als Verlängerung seiner eigenen kurzfristigen Interessen
wahr. Der Aufstieg Afrikas gelingt aber nur, wenn die Heucheleien von
beiden Seiten aufhören und man ehrlich zum gegenseitigen Nutzen
zusammenarbeitet.“ Dass die Bundesregierung nun mehr Geld für Afrika
ausgeben wolle, sei richtig, so Köhler. „Aber Geld alleine reicht
nicht. Wir brauchen eine viel strategischere Wirtschaftspolitik für
Afrika, die vor allem darauf ausgerichtet ist, dort Arbeitsplätze und
Einkommen zu schaffen.“ Der deutsche Mittelstand könnte zum Ausrüster
des afrikanischen Wachstums werden. „Wir haben den Chinesen viel zu
lange das Feld überlassen“, so Köhler. Die Bundesregierung sollte
über eine Ausweitung der Absicherungsinstrumente vor allem für
Mittelständler nachdenken. Allein der Infrastrukturbedarf in Afrika
belaufe sich auf jährlich 150 Milliarden Euro, betonte Köhler, der
mit Kofi Annan derzeit eine UN-Kommission zur Beratung der
afrikanischen Entwicklungsbank leitet. Den Besuch der Kanzlerin
morgen in Äthiopien wertete Köhler als „gutes Zeichen“. Gerade in der
Sicherheitspolitik gebe es eine neue ermutigende Zusammenarbeit
zwischen Europa und Afrika. Wenn sich Afrika positiv entwickele,
profitiere Europa. „Wenn der Kontinent aber im Chaos versinkt, dann
wird das vor allem Europa riesige Probleme bereiten. Deshalb muss
Afrika ein Kernthema europäischer Außenpolitik werden“, sagte Köhler.

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