Rheinische Post: Kommentar (bitte diese Version verwenden): Was wir jetzt tun müssen

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Nur Amok, kein Terror. Es ist die Perfidie in
diesen Krisenzeiten, dass eine gewisse Erleichterung durch das Land
zog, als die Hintergründe des Münchner Blutbads bekanntwurden. „Nur“
die Einzeltat eines Wahnsinnigen. Den Opfern und ihren Angehörigen
hilft das nicht. Wer seinen Liebsten verliert, erlebt maximalen
Schmerz. Tätersoziologie ist da egal. Zunächst und vor allem ist
deshalb das Gedenken an die Opfer und die Hilfe für die Angehörigen
die Pflicht einer Gesellschaft, die sich solidarisch nennt und die
den Schutz des Menschen als Leitbild verankert hat. Hilfe und
Anteilnahme. Nicht nur in den ersten Tagen nach der Tat. Auch noch in
Jahren. Das ist die wichtigste Aufgabe. Und dann? Was sagt uns die
Tat? Muss der Staat reagieren? Die Polizei in München könnte als
Vorbild dienen: besonnen, konzentriert, sachlich. Differenzierung ist
in einer aufgeheizten Atmosphäre das wirksamste Mittel. Die
Ursachenforschung führt uns nach Erfurt und Winnenden, zum
Düsseldorfer Amokflieger Andreas Lubitz, und nicht nach Nizza, Paris
oder Würzburg. Die Münchner Toten, in der Mehrheit junge Menschen mit
Migrationshintergrund, sind nicht Opfer des Islamismus, sondern Opfer
eines Verirrten, der sich gemobbt und gedemütigt fühlte, auf Rache
sann und Aufmerksamkeit suchte. Das heißt nicht, dass die Propaganda
islamischer Extremisten nicht das zentrale Sicherheitsproblem in der
Welt bleibt und mit allen legalen Mitteln bekämpft werden muss.
Würzburg muss aufgearbeitet werden. In München aber tötete der
18-jährige Ali David S. ohne den IS. Die zentrale Frage: Wie entsteht
der Hass, den ein junger Mann entwickeln kann, der andere junge
Menschen in eine Falle lockt und exekutiert? Der Täter hat in dem in
einem Handy-Video festgehaltenen Disput mit einem Anwohner Hinweise
geliefert. Er sei gemobbt worden, in ärztlicher Behandlung gewesen.
Rache ist ein starkes Motiv. Wohl auch der Wunsch nach Anerkennung
und Ruhm. Die Amokläufer von Winnenden und Oslo sollen ihn fasziniert
haben, sagt die Polizei. Von „Hartz-IV-Gegend“ sprach der Täter auch.
Puzzlestücke eines Außenseiterlebens in einem schwierigen sozialen
Umfeld. Die Flucht auf die virtuellen Schlachtfelder als Flucht vor
der Realität. Eine leistungsorientierte, kulturell heterogene
Gesellschaft wird nie verhindern können, dass Menschen gemobbt werden
und in die innere Abschottung abtreiben. Dennoch muss die
Gesellschaft, müssen Politiker, Eltern und Lehrer, Nachbarn und
Freunde wachsamer sein, damit aus der Vereinzelung kein Mordmotiv
wird. Zuhören und Aufmerksamkeit wirken Wunder. Zur Erziehung eines
jungen Menschen gehört auch die Lehre, dass Enttäuschungen und
Niederlagen zum Leben gehören. Auch die auf dem Schulhof. Sie können
einen stärker machen, reifen lassen. Auch dieser irre, selbstgerechte
Mythos des Amokläufers, den es ähnlich beim islamistischen
Selbstmordattentäter gibt, muss als das entlarvt werden, was er ist:
schnöder und feiger Mord. Wir müssen die Außenseiter in den Blick
nehmen, sie zurückholen in die Gesellschaft. In der Schule, in der
Nachbarschaft. Überall. Wenn Eltern dazu nicht in der Lage sind, muss
der Staat einschreiten. Es kann doch nicht sein, dass diese
wohlhabende Gesellschaft mit ihren vielfältigen Bildungswegen
Verlierer produziert, die so verzweifelt sind, dass sie alles
Menschliche vergessen. Empathie, Einfühlungsvermögen also und
Mitgefühl – das sind die Zauberworte einer Nation im Stress. Dazu
gehören übrigens auch Worte des Trostes und der Zuversicht. Die von
Angela Merkel beispielsweise kamen gestern reichlich spät.

Pressekontakt:
Rheinische Post
Redaktion

Telefon: (0211) 505-2621

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