Rheinische Post: Kommentar / Machtlose Literatur = Von Lothar Schröder

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Es gibt die weit verbreitete, aber irrige
Ansicht, dass Literatur die Welt verändern könne. Dass Bücher Kriege
beenden und Machthaber stürzen können; und dass Leser an sich keine
schlechten Menschen sind. Der Nobelpreis an die weißrussische Autorin
Swetlana Alexijewitsch schürt solche romantischen Hoffnungen. Ihre
Sammlung der Stimmen vieler hundert Menschen sind natürlich eine
Anklage gegen Krieg und Unterdrückung. Doch wären ihre Bücher nur
das, bliebe die Wirkung beschränkt. Alexijewitsch, die in ihrer
Heimat selbst der Verfolgung ausgesetzt ist, findet mit ihren
Protokollen vielmehr Zugang zum Wesen unserer Existenz, zu unseren
Ängsten und Alpträumen. Ihre arrangierten Dokumentationen sind immer
auch Protokolle der Seele. Literatur beginnt dort, wo Propaganda
aufhört. Und ein Schriftsteller endet da, wo er für ein Ziel
vereinnahmt wird. Das hat Swetlana Alexijewitsch früh erkannt, als
sie die Barrikade zum gefährlichen Ort für Künstler erklärte. Dort
verderbe man sich die Augen und die Welt büße ihre Farben ein, sagt
sie. Dort sei alles nur schwarz oder weiß.

Pressekontakt:
Rheinische Post
Redaktion

Telefon: (0211) 505-2621

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