Rheinische Post: Kommentar / Zögerliche Kirche = Von Lothar Schröder

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Ausgerechnet Pilatus war der Stichwortgeber für
den 100. Katholikentag: „Seht, da ist der Mensch“, rief der römische
Statthalter, als er den gemarterten Jesus sah. Das sagt einiges über
unser Menschenbild aus und unsere Erkenntnis im Angesicht des Leids.
Die Worte des Statthalters haben die Passion Jesu nicht verhindert;
zu spät kam nämlich alle Einsicht. Auch darüber ist in Leipzig
eingehend nachgedacht worden. Über eine Kirche etwa, der es wegen der
guten Lage am Arbeitsmarkt finanziell so gut geht wie seit Jahren
nicht mehr und die sich möglicherweise deshalb den gut sichtbaren
Fragen der Zukunft kaum stellt. Das Diakonat für Frauen? Oder gar das
Priesteramt? Schließlich: die Zukunft des Zölibats? Das sind weder
theologische Sündenfälle noch Modedebatten, sondern – angesichts des
dramatischen Priestermangels – längst existenzielle Fragen. Es ist
nie gut, Reformen aus Not angehen zu müssen. Doch scheint es andere
Wege derzeit nicht zu geben. Das größtenteils säkularisierte Leipzig
hat der Kirche den Blick in eine drohende Zukunft geschenkt: „Seht,
da ist kein Mensch.“

Pressekontakt:
Rheinische Post
Redaktion

Telefon: (0211) 505-2621

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