Schwäbische Zeitung: Europäisches Versagen – Leitartikel zu Idomeni

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Etwas zynisch formuliert, könnte man den zur
Floskel gewordenen Gorbatschow-Satz zitieren: „Wer zu spät kommt, den
bestraft das Leben.“ Die Flüchtlinge von Idomeni waren in der Tat zu
spät dran, um noch vom Europa der offenen Grenzen zu profitieren.
Jetzt ist ihre Lage misslich: Den Weg nach vorne versperrt der Zaun
zu Mazedonien, und dahin zurück, wo sie herkamen, können oder wollen
sie nicht. Bleibt eine ungewisse Zukunft im heruntergewirtschafteten
Griechenland, das kaum für die eigenen Leute sorgen kann.

Etwas emotional formuliert, könnte man sagen: „Schäm Dich,
Europa!“ Wie edel klangen die Worte, die Kanzlerin Angela Merkel und
Europapolitiker wie Martin Schulz wie Monstranzen vor sich hertrugen.
Dass es keine Obergrenze für Flüchtlinge geben dürfe, dass ein
Wesensmerkmal der EU offene Grenzen seien, dass man Menschen, die vor
einem Krieg fliehen, helfen müsse. Als dann 2015 mehr als eine
Million Menschen nach Europa kamen, war der Weg zurück zur
Realpolitik kurz – blitzschnell hatte man den Flüchtlingspakt mit der
Türkei ausgehandelt. Seit dem 4.April kamen so 177weitere Flüchtlinge
nach Europa.

Etwas nüchterner betrachtet ist die Flüchtlingskrise so
vielschichtig, dass es keine einfachen Antworten geben kann – bei
jedem Argument schwingt gleichsam ein Aber mit. Natürlich ist es
schwierig, jedes Jahr Hunderttausende Flüchtlinge zu integrieren. Und
selbstverständlich kann eine Regierungschefin wie Merkel nicht
tatenlos zusehen, wie Wähler zuhauf den rechten Rand ansteuern, weil
ihnen in Anbetracht des Zustroms fremder, andersgläubiger Menschen
angst und bange wird. Doch bei allem Respekt vor diesen
Befindlichkeiten: Es hätte weitere Möglichkeiten der Aufnahme
gegeben, wenn die EU die Folgen ihrer inneren Zerrissenheit nicht an
die Außengrenzen verlagert hätte. Die Flüchtlingspolitik in Europa
ist an nationalen Egoismen gescheitert – und nicht an der großen Zahl
der Hilfesuchenden. Leidtragende dieses Versagens sind Menschen wie
die Flüchtlinge von Idomeni.

Pressekontakt:
Schwäbische Zeitung
Redaktion
Telefon: 0751/2955 1500
redaktion@schwaebische-zeitung.de

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