Schwäbische Zeitung: Gemeinsam leben – Leitartikel zu Deutschen und Türken

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Die Gemengelage ist schwierig bis explosiv: Da
leben knapp drei Millionen türkischstämmige Menschen in Deutschland,
arbeiten hier, bekommen Kinder, kaufen eine Wohnung, viele haben den
deutschen Pass – und wem fühlen sie sich zugehörig? Der Türkei und
ihrem nach Großmacht strebenden Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der
natürliche Reflex der deutschstämmigen Deutschen darauf: Geht doch
zurück nach Anatolien und lasst Euch dort in Euren demokratischen
Rechten beschneiden! So verständlich diese Gedanken sein mögen, in
der gesellschaftlichen Realität führen sie zu nichts. Denn Deutsche
und Türken werden auch künftig hierzulande zusammenleben – je
harmonischer, desto besser.

Wer aber verstehen will, warum sich die Türken in Deutschland
lediglich leidlich und oft nur auf dem Papier integriert haben,
sollte einen Blick zurück werfen. Es sind auch die Fehler der
Vergangenheit, die sich jetzt rächen. Deutschland ist es in 50 Jahren
– anders als den USA – nicht gelungen, Zuwanderer zu Bürgern zu
machen. Die Tatsache, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist,
wurde jahrelang schlicht geleugnet. Zuwanderer wurden zu
„Gastarbeitern“ degradiert. Dieser Status niederer Güte hat sich
derart in das Bewusstsein vieler Türken eingebrannt, dass selbst
jüngere, die diese Zeit gar nicht mehr erlebt haben, ihr
Selbstverständnis daraus beziehen. Der Strippenzieher Erdogan hat das
erkannt, als er bereits 2008 in Köln die Türken davor warnte, sich zu
assimilieren. Seine Strategie ist es, die gefühlte Heimatlosigkeit
vieler Landsleute mit schönen Worten von Stolz und Ehre und, ganz
aktuell, von der Verteidigung der Demokratie zu füllen. Und diese
Strategie geht auf.

Aber gerade deshalb ist es wichtig, trotz der täglich neuen
Provokationen aus Ankara, einen kühlen Kopf zu bewahren. Deutsche und
Türken – beide Bevölkerungsgruppen profitieren davon, dass man
hierzulande in Frieden leben, arbeiten und auch seine Meinung sagen
kann. Diese Werte gilt es zu schützen: rechtsstaatlich, rational und
über nationale Zugehörigkeiten hinweg.

Pressekontakt:
Schwäbische Zeitung
Redaktion
Telefon: 0751/2955 1500
redaktion@schwaebische-zeitung.de

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