Schwäbische Zeitung: Im Zenit seines Ansehens – Leitartikel zu Joachim Gauck

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Zunächst zum Wichtigsten, was Bundespräsident
Joachim Gauck in den vergangenen Tagen festgestellt hat: Deutschland
befindet sich nicht in einer Staatskrise. In seiner Erklärung vom
Montag hatte der populäre Staatschef als Grund für seinen Rückzug aus
der aktiven Politik sein Alter genannt. Der preußisch geprägte
Protestant würde nicht in den hochverdienten Ruhestand gehen, sähe er
sein Land in Gefahr. So verlässt Gauck Schloss Bellevue 2017 auf dem
Höhepunkt seines Ansehens.

Jetzt gehen die Spekulationen los. Wer wird neuer Bundespräsident?
Oder sollte erstmals eine Frau die Nummer eins in Deutschland werden?
Mögliche Nachfolger von Gauck gibt es viele. Bundespräsident könnten
die meisten von denen, die genannt werden: Bundestagspräsident
Norbert Lammert ist so einer, Außenminister Frank-Walter Steinmeier
sowieso. Für die Große Koalition und die Bundeskanzlerin ist die
Entscheidung Gaucks nicht schön, muss das Bündnis aus Union und SPD
doch lange vor der Bundestagswahl in den Wahlkampfmodus umschalten.
Streit oder Diskussionen sind deshalb programmiert. Aber was soll
daran schlecht sein?

Für die Republik ist eine Debatte um den Bundespräsidenten eine
demokratische Kür. Deutschland steht vor erheblichen
Herausforderungen, national wie international. Deshalb nur auf
Harmonie und auf einen größtmöglichen Nenner zu setzen, ist falsch.
Unterschiedliche Kandidaten bieten die Chance auf mehr Diskurs. Die
Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung sind ausgesprochen
kompliziert. Doch gerade eine schwierige Präsidentenwahl kann unsere
Demokratie nur attraktiver machen.

So die Kanzlerin tatsächlich überparteilich suchen möchte, bleibt
für sie eigentlich nur Norbert Lammert. Der Bochumer hat Statur, gilt
als unabhängig und unbequem. Zustimmung erntet er regelmäßig von
allen Parlamentsparteien für seine Rhetorik wie seinen souveränen
Vorsitz im Bundestag. Manche bemängeln einen ausgeprägten Hang zur
Eitelkeit, doch daran leiden in Berlin viele.

Pressekontakt:
Schwäbische Zeitung
Redaktion
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