Schwäbische Zeitung: Leitartikel zum Armutsbericht 2016: Großzügiger Armutsbegriff

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Wer ist arm in einer Gesellschaft, wer ist
reich? Der jetzt vorgestellte Armutsbericht beantwortet zumindest die
erste Frage: Menschen mit weniger als 60 Prozent des mittleren
gesellschaftlichen Einkommens haben demnach als Arme zu gelten.
Vorsorglich verteidigt der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen
Gesamtverbands, Ulrich Schneider, die mehr oder weniger willkürlich
gesetzte Grenze gegen zunehmende Kritik. Aber wer sich schwer tut mit
dieser Armutsdefinition, der liegt nicht ganz daneben.

Denn im Klartext folgt aus ihr: Je wohlhabender eine Gesellschaft
insgesamt ist, umso stärker steigt das Armutsrisiko. Konkret: In
einem Land, in dem der Porsche das Standard-Fahrzeug wäre, müsste der
VW-Golf-Fahrer zwangsläufig als arm gelten. Menschen in Ländern, in
denen es tatsächlich und buchstäblich ums tägliche Überleben geht,
dürften diesen Armutsbericht deshalb eher als verkappten
Wohlstandsbericht wahrnehmen.

Dennoch ist Armut natürlich auch ein relativer Begriff. Er hat mit
gesellschaftlicher Teilhabe zu tun. Man muss in Deutschland in der
Tat nicht direkt vom Hungertod bedroht sein, um dennoch zu Recht als
arm zu gelten. Vielleicht lässt es sich so umschreiben: Wer aus
materiellen Gründen zu einem dauerhaften Außenseiterdasein gezwungen
ist, der ist in diesem Sinne auch arm. Solche Menschen gibt es. Und
auch der Hinweis, dass in nicht allzu ferner Zukunft viele ältere
Menschen von Verarmung bedroht sind, verdient als echtes Problem
Beachtung.

Leider kaschiert aber der großzügig zugrunde gelegte Armutsbegriff
des Berichts diese echten Probleme eher, als dass er sie Punkt für
Punkt aufzeigt und begründet. Man kann das Ergebnis nämlich auch so
lesen: Wenn derzeit in Deutschland tatsächlich mehr als zwölf
Millionen Menschen unter der Armutsgrenze leben müssen, dann kann
Armut nichts sonderlich Schlimmes sein. Auch wenn es hart klingen
mag: Der deutsche Wohlstandsbauch ist ein wenig Pate gestanden bei
diesem Armutsbericht.

Pressekontakt:
Schwäbische Zeitung
Redaktion
Telefon: 0751/2955 1500
redaktion@schwaebische-zeitung.de

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