Schwäbische Zeitung: Leitartikel zum Bild von totem Flüchtlingsjungen: Es braucht nicht immer Bilder

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Bilder können beim Betrachter große Gefühle
auslösen, Freude, Schock, Verzweiflung, Sprachlosigkeit. Und sie
können das Ende zeigen. Der Umgang mit Bildern, die in einer Zeitung,
auf einer Webseite oder im Fernsehen veröffentlicht werden, erfordert
darum besondere Sensibilität.

Gute Fotos in den Medien sollen aufklären. Sie dürfen auch
wachrütteln. Am Donnerstag ist das Bild eines bei der Flucht
ertrunkenen syrischen Buben an einem Strand in der Türkei publiziert
worden. Mit dem Argument, man wolle ja nur aufklären und durch Schock
die Politik zum Handeln bewegen, haben auch deutsche Medien die
Kinderleiche gezeigt.

Wir veröffentlichen dieses Bild ganz bewusst nicht, denn es
verletzt die Würde dieses Jungen und es ist pietätlos gegenüber
seiner Familie. Die „Schwäbische Zeitung“ bemüht sich seit Langem,
über die Ursachen des syrischen Bürgerkriegs aufzuklären und die
Schwierigkeiten der Flucht zu beschreiben. Aber um das Schicksal
dieser Menschen zu erklären, braucht es vor allem Worte. Ein Bild von
Flüchtlingsleichen in einem Lastwagen in Österreich oder von einem
ertrunkenen syrischen Kind fördert in erster Linie den Voyeurismus.
Es zu veröffentlichen, versachlicht weder die aufgeregte
Flüchtlingsdiskussion, noch führt es zu einer sachlichen politischen
Debatte über Europas Umgang mit jenen, die vor Bürgerkrieg und
Verfolgung fliehen müssen.

In Zeiten, in denen durch brutale Videospiele, die Enttabuisierung
von Sexualität und Intimstem, der Reiz immer stärker werden muss, um
beim zeitgenössischen Betrachter überhaupt eine Reaktion auszulösen,
stellt sich die Frage, welche Bilder als nächstes gezeigt werden
sollen, um zu bewegen: Die Enthauptung einer Geisel des Islamischen
Staates? Oder das langsame Sterben eines zum Tode Verurteilten in den
USA?

Medien sollen und wollen Debatten auslösen, sie wollen
Orientierung geben, für den Leser Wichtiges von Unwichtigem trennen.
Bilder von Toten erklären nichts und benutzen die Opfer.

Pressekontakt:
Schwäbische Zeitung
Redaktion
Telefon: 0751/2955 1500
redaktion@schwaebische-zeitung.de

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