Schwäbische Zeitung: Lüge mit langen Beinen – Leitartikel

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Es ist nicht primär Sache von Politikern,
Geschichtsforschung zu betreiben. Dafür sind Historiker zuständig.

Wenn deren Befund allerdings einhellig ausfällt, sollte ihn die
Politik beachten. Die seriöse Fachwissenschaft, die in den
vergangenen Jahren intensiv die Gräuel an den Armeniern erforscht
hat, kommt zu einem klaren Ergebnis: Dies war ein Völkermord. Er
hatte nationalistische und religiöse Motive. Zwischen 800000 und
1,5Millionen Menschen – vom Säugling bis zum Greis – sind dem Genozid
zum Opfer gefallen. Der Verbündete im Ersten Weltkrieg, das Deutsche
Kaiserreich, hat übrigens großzügig zu- beziehungsweise weggeschaut.
Punkt.

Weshalb tut sich die offizielle Türkei des Jahres 2015 noch immer
so schwer, diese simple Wahrheit zu akzeptieren? Weshalb besteht sie
weiter auf einer einer Lüge, die inzwischen lange Beine hat? Die
Antwort ist einfach: Der Nachfolgestaat des osmanischen Reiches, also
die heutige Türkei, würde ihren Gründungsmythos verlieren. Die
Legitimität der Staatsgründung könnte gefährdet sein, wenn Völkermord
an der christlichen Minderheit eine ihrer Bedingungen gewesen wäre.
Deshalb muss die historische Wahrheit vernebelt und geleugnet werden.

Die zweite Frage lautet, weshalb sich manche Regierungen, darunter
die deutsche, so schwer tun, diesen Völkermord Völkermord zu nennen.
Es geht dabei nicht nur um diplomatische Rücksichtnahme gegenüber dem
Nato-Partner in Ankara. Rund drei Millionen Menschen mit türkischen
Wurzeln leben in Deutschland. Ihnen hat man die Lüge als historische
Wahrheit eingetrichtert. Bis heute verdrehen die türkischen
Schulbücher die Geschichte. Die wahren Aggressoren und inneren Feinde
des osmanischen Reiches waren demnach die Armenier. Die Türken und
die meisten türkischstämmigen Menschen in Deutschland werden die
Wahrheit nur akzeptieren, wenn sie von innen kommt, quasi als
Selbstreinigung. Es wird leider aber noch dauern, bis sich die Türkei
ihrer permanenten Schande entledigt, den Völkermord zu leugnen.

Pressekontakt:
Schwäbische Zeitung
Redaktion
Telefon: 0751/2955 1500
redaktion@schwaebische-zeitung.de

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