Schwäbische Zeitung: „Technischer Analphabetismus“ – Leitartikel zur Digitalisierung in der Wirtschaft

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Baden-Württembergs Politiker überbieten sich
derzeit in ihrer Begeisterung für die digitale Wirtschaft.
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) reist mit großem Tross
ins Silicon Valley. Sein Herausforderer Guido Wolf (CDU) doziert in
Bürgersälen über das intelligente Haus. Wirtschaftsminister Nils
Schmid (SPD) lockt seinen Parteifreund Sigmar Gabriel nach Fellbach
und Göppingen, um den Südwesten als Vorreiter der vernetzten
Industrie zu inszenieren. Solche Gesten sind richtig und wichtig.
Doch der parteiübergreifende Aktionismus kann Zweifel daran nicht
zerstreuen, ob die baden-württembergische Wirtschaft dem Umbruch
tatsächlich gewachsen ist. Jahrelang haben Politiker und Verwaltungen
den Ausbau von Breitbandverbindungen halbherzig gehandhabt. Statt
Gewerbegebiete mit Hochleistungsinternet auszustatten, haben die
Entscheidungsträger ihre Kraft auf die Planung von Einkaufszentren,
Abwasserkanälen und Fahrradwegen gerichtet. Sie haben der
Bodenseeautobahn hinterher geweint statt eine Datenautobahn nach
Oberschwaben zu legen. Auch viele Firmen verweigern sich satt und
zufrieden der Digitalisierung. Gerade kleine Betriebe beschwören
schwäbische Tugenden statt anzuerkennen, dass die vernetzte
Wirtschaft andere Anforderungen an Geschäftsmodelle, Mitarbeiter und
Chefs stellt. Teile der Bevölkerung wiederum kokettieren damit,
Computer, Handy und Internet zu misstrauen. Sie geben Sorgen um den
Datenschutz vor, um sich mit dem Internet gar nicht erst befassen zu
müssen. Sie tragen ihren technischen Analphabetismus wie eine
Monstranz vor sich her. Die Schuld lässt sich diesmal nicht alleine
den Politikern in die Schuhe schieben. Sie haben gerade im Südwesten
viel Geld bereitgestellt und dringen beharrlich auf einen
Sinneswandel. Vielmehr ist es an den Arbeitern und Lehrlingen,
Betriebsräten und Unternehmern zu akzeptieren, dass in der Fabrik der
Zukunft nur noch derjenige gebraucht wird, der sich mit Roboter,
Computer und Internet arrangiert.

Pressekontakt:
Schwäbische Zeitung
Redaktion
Telefon: 0751/2955 1500
redaktion@schwaebische-zeitung.de

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