Stasi-Unterlagen-Beauftragter Jahn fordert finanzielle Hilfen für DDR-Zwangsarbeiter / „Ausgebeutet für den Klassenfeind“ heute, 12.10., 23.30 Uhr im Ersten

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Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen der
ehemaligen DDR-Staatssicherheit, Roland Jahn, hat sich in einem
Interview für die ARD-Dokumentation „Ausgebeutet für den Klassenfeind
– Wie DDR-Zwangsarbeiter für Westfirmen leiden mussten“
(Erstausstrahlung Montag, 12.10., 23.30 Uhr, Das Erste) für
finanzielle Hilfen für die Opfer von DDR-Zwangsarbeit ausgesprochen.
Er betonte, dass sowohl der Staat als auch die Westkonzerne, die von
der erzwungenen Arbeit politischer Häftlinge profitiert hätten,
gefordert seien. Die Zwangsarbeit müsse im bestehenden System der
Rehabilitierungen und Ausgleichzahlungen für DDR-Unrecht
berücksichtigt werden, sagte Jahn. Dafür müssten jetzt Kriterien
entwickelt werden.

Für die ARD-Dokumentation wurden rund 20 Konzerne angefragt, die
Produkte aus DDR-Betrieben bezogen haben, die auch Zwangsarbeiter
einsetzten. Davon erklärte allein das Unternehmen Ikea, man sei zu
einem Gespräch über Entschädigung bereit. Galeria Kaufhof schlug
einen freiwilligen Fonds zur Aufarbeitung der DDR-Zwangsarbeit vor.
Die Deutsche Bahn AG hat sich für Zwangsarbeit bei der Reichsbahn
bereits bei den Opfern entschuldigt und beteiligt sich an einer
wissenschaftlichen Aufarbeitung.

Der Stasi-Unterlagen-Beauftragte Jahn sagte: „Es ist eine Frage
der Gegenwart. Die Menschen leiden bis heute daran, dass sie dort
Häftlingsarbeit leisten mussten, weil sie wegen ihrer politischen
Gesinnung im Gefängnis saßen. Und da einen Weg finden, wie wir diesen
Menschen helfen können, das ist eine Herausforderung sowohl für die
Politik als auch für die Firmen, die damals beteiligt waren an diesem
deutsch-deutschen Handel – ja, an dem Handel mit einer Diktatur.“
Staat und Firmen sollten einen materiellen Beitrag leisten. Jahn
verwies auf die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen
politische Häftlinge Produkte auch für Westkonzerne fertigen mussten.
„Die Erkenntnis, dass man Teil dieses Handels war, sollte doch Grund
genug sein, dass man die Opfer würdigt, über das Unrecht aufklärt und
auch humanitäre Leistungen erbringt, die den Menschen helfen können.“
Jahn sagte, individuelle Entschädigungsleistungen seien schwer
umsetzbar, betonte aber die Notwendigkeit finanzieller Hilfen für
Opfer von Zwangsarbeit: „Es gilt, die Häftlingsarbeit einzubeziehen
in das System von Rehabilitierungen und Ausgleichszahlungen. Es gilt
zu beachten, dass hier Menschen besonders gelitten haben und auch die
Folgen bis heute tragen. Aber das muss eingebettet sein, auch in die
Entwicklung von Kriterien, die sicherstellen, dass hier ein Weg der
Gerechtigkeit gegangen wird und nicht für neues Unrecht gesorgt
wird.“

Die Ostbeauftragte der Bundesregierung und parlamentarische
Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, Iris Gleicke (SPD),
äußerte sich im Interview für die ARD-Dokumentation „Ausgebeutet für
den Klassenfeind“ kritisch zu Forderungen nach Entschädigung an die
Bundesregierung. Sie verwies darauf, dass es keine zentrale
staatliche Weisung in der DDR zur Schlechterstellung der politischen
Gefangenen gegenüber den Kriminellen gegeben habe. „Insofern bin ich
sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, Forderungen aufzumachen, die
über die jetzige strafrechtliche Rehabilitation und damit
Haftentschädigung oder Opferrenten hinausgehen, und auch, wenn es
darum geht, Forderungen gegenüber einem Entschädigungsfonds
aufzumachen, an dem sich Firmen beteiligen.“ Weiter betonte sie: „Mir
geht es ganz einfach darum, dass wir denjenigen, die Unrecht erfahren
haben, deren Menschenrechte verletzt worden sind, die ausgebeutet
worden sind, dass wir da keine falschen Hoffnungen wecken, deshalb
bin ich da an der Stelle sehr zurückhaltend.“

Die ARD-Dokumentation „Ausgebeutet für den Klassenfeind – Wie
DDR-Zwangsarbeiter für Westfirmen leiden mussten“ deckt mit
exklusiven Recherchen auf, wie politische Häftlinge in der DDR
ausgebeutet wurden und welche namhaften Westkonzerne damit hohe
Gewinne erzielten. Die Autoren, Achim Reinhardt und Claudia Butter,
beide Reporter des investigativen Politikmagazins „Report Mainz“,
recherchieren bereits seit Jahren zum Thema Zwangsarbeit. Sie haben
für die Dokumentation wochenlang im Bundesarchiv, im Stasi-Archiv
sowie in Landesarchiven recherchiert und mit zahlreichen Zeitzeugen
und Wissenschaftlern gesprochen. Sie konfrontieren ehemalige
DDR-Verantwortliche und Konzernmanager, fragen die Bundesregierung
nach ihrer Verantwortung für die Opfer von Zwangsarbeit. Mit der
Kamera begleiten sie politische Häftlinge, die DDR-Täter und
Profiteure von einst zur Rede stellen.

Die 45-minütige Dokumentation „Ausgebeutet für den Klassenfeind –
Wie DDR-Zwangsarbeiter für Westfirmen leiden mussten“ sendet Das
Erste am Montag, 12.10.2015 um 23.30 Uhr.

Weitere Informationen unter
http://x.swr.de/s/hilfeddrzwangsarbeiter

Zitate gegen Quellenangabe frei.

Fotos auf ARD-Foto.de.

Rückfragen bitte an die Redaktion „Report Mainz“ Tel.: 06131 / 929
33351.

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