Südwest Presse: Kommentar: Europa

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Die EU stirbt.“ Nigel Farage, Chef der britischen UKIP
und einer der wichtigsten Köpfe hinter dem No zu Europa, kostete
seinen Triumph gestern genüsslich grinsend aus. Ja, die EU stirbt –
oder zumindest ein Teil von ihr. Das Votum der Briten hat die
Gemeinschaft der verbleibenden 27 Staaten in die größte Krise ihrer
Geschichte gestürzt. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU, die
Atommacht,der wichtigste Finanzplatz der Gemeinschaft, das ständige
Mitglied im UN-Sicherheitsrat verabschiedet sich nach fast 44 Jahren
– 64 Millionen Menschen sind auf einmal nicht mehr Mitglied im Club.
Aus und vorbei. Drama, schwarzer Freitag, Katastrophe: Der gestrige
Tag hat bei den Kommentatoren wenig Anlass zu Optimismus gegeben.
Tatsächlich sind die Auswirkungen des Briten-Votums zur Zeit noch
nicht absehbar. Treten die schlimmsten Befürchtungen ein, wird Europa
in den nächsten Jahren in einen Zustand der permanenten
Verunsicherung rutschen. Investoren werden einen weiten Bogen um den
alten Kontinent machen, dessen Zukunft nicht mehr berechenbar
erscheint. Heute Großbritannien, morgen Frankreich oder die
Niederlande? In ein solch instabiles Konstrukt will niemand mehr
investieren. Wohlstand- und Bedeutungsverlust wären die Folge, am
Ende stünde eine Rumpf-Union, die nichts mehr mit dem Gedanken der
Gründungsväter um Konrad Adenauer und Charles de Gaulle gemein
hätte.Das ist aber nur die eine Alternative – wenn Brüssel sich
erneut in Endlosstreitereien verfängt und den Briten nicht konsequent
die rote Karte zeigt. Die andere ist ein Neubeginn, der nur gelingen
kann, weil sich die Briten aus der Gemeinschaft zurückziehen. London
hat immer mit der EU gefremdelt, war immer Bremser und nicht Motor
der EU-Integration. Ohne die ewigen Nörgler und Besserwisser von der
Themse kann das gelingen, was längst überfällig ist: Die Reform des
aufgeblähten Brüsseler Beamtenapparates, eine Stärkung der regionalen
Kräfte in der Union und eine Neubelebung des Solidargedankens, der in
der Flüchtlingskrise unter die Räder gekommen ist. Damit ließe sich
auch das wieder beleben, was die Mehrheit der Menschen offensichtlich
verloren hat: die Begeisterung für das erfolgreichste
völkerübergreifende Friedens- und Wirtschaftsprojekt in der
Geschichte der Menschheit. Dazu gehört aber eine Politik, die die
Menschen versteht und die ihre Bedürfnisse ernst nimmt. Sollte die
Europäische Union diese Lehren aus dem gestrigen Desaster ziehen,
hätte sie weiterhin eine Zukunft – und der 24. Juni 2016 nur einen
Verlierer.

Pressekontakt:
Südwest Presse
Ulrike Sosalla
Telefon: 0731/156218

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