Südwest Presse: LEITARTIKEL · FORSCHUNG

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Talente besser fördern

Jugend forscht“-Erfinder Henri Nannen hatte eine Fünf in Mathe.
1965 rief der damalige Chefredakteur des Nachrichtenmagzins „Stern“
den Bundeswettbewerb ins Leben. „Als Nachholbedarf in eigener Sache
sozusagen“, wie er später sagte. Seither werden unter den 15- bis
21-jährigen Teilnehmern jährlich Preise an die vergeben, deren
Antworten auf naturwissenschaftliche, technische oder mathematische
Fragen herausragen. Heute findet die 50. Preisverleihung statt. In
Ludwigshafen wird auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka sein.
Wie vom 1996 verstorbenen Nannen angedacht, hat der Wettbewerb sich
zu einer Talentschmiede entwickelt. Neun von zehn erfolgreichen
Teilnehmern studieren laut der „Jugend forscht“-Internetseite später
ein naturwissenschaftlich-technisches, mathematisches oder
medizinisches Fach. Im Anschluss arbeitet etwa die Hälfte der
einstigen Bundessieger im Bereich Forschung und Entwicklung.
Ministerin Wanka wird also begeisterte Jungforscher treffen. Die
CDU-Politikerin wird ihnen sagen, dass sie ihren Enthusiasmus
bewahren sollen und sie wird wissen, dass sich dazu einiges an den
deutschen Hochschulen ändern muss. Denn die derzeitigen
Arbeitsbedingungen nähren in vielen Nachwuchswissenschaftlern eher
den Frust. Warum? Die Gesetze ermöglichen große Spielräume, um
Hochschulmitarbeiter unterhalb der Professur immer wieder aufs Neue
befristet zu beschäftigen – im Extremfall 25 Jahre lang, wie der
Professor für Arbeitsrecht, Ulrich Preis, für Nordrhein-Westfalen
ermittelt hat. In anderen Bundesländern kann das schon wieder anders
sein, weil die Vorgaben des Bundes im
Wissenschafts-Zeitvertragsgesetz (WissZeitVG), Regelungen der Länder
und Lösungen einzelner Hochschulen ein Wirrwarr an Karrierewegen
hervorgebracht haben. Der Wissenschaftsrat, das zentrale
wissenschaftspolitische Beratungsgremium in Deutschland, kommt in
einer Analyse 2014 zum Schluss, dass diese Vielfalt „schwer zu
durchdringen und international kaum zu vermitteln ist“. Eines sei
aber offensichtlich: Die Arbeitsbedingungen für junge Forscher seien
oft unattraktiv. Mehr als 80 Prozent sitzen auf wackeligen Stühlen.
Dieses Problem hat sich durch die wachsende Abhängigkeit der
Hochschulen vom befristet fließenden Geld aus Drittmittel-Projekten
oder Programmen wie der Exzellenzinitiative verschärft. Durch sie
sind zwar viele neue Stellen für junge Wissenschaftler entstanden,
aber eben nicht die Zahl unbefristeter Posten, auf die heutige
Doktoranden morgen wechseln könnten.

Ministerin Wanka weiß um das Problem, genauso ihre Kollegin
Theresia Bauer (Grüne) in Baden-Württemberg. Bauer hat mit dem neuen
Landeshochschulgesetz 2014 einen positiven Schritt getan. Es zielt
etwa darauf ab, Juniorprofessoren, die sich bewähren, wirklich eine
unbefristete Stelle anbieten zu können. Aber das reicht nicht. Um das
Problem zu lösen, bedarf es Anstrengungen aller Länder und des
Bundes. Die Grundfinanzierung muss weiter gestärkt und
Hochschulkarrieren verlässlicher organisiert werden. Wanka hat
angekündigt das WissZeitVG zu ändern, damit Befristungen schwerer
möglich sind. Ab 2017 soll im Zuge einer Bund-Länder-Initiative eine
Milliarde Euro mehr fließen, um dauerhafte Stellen zu schaffen. Doch
die Details sind unklar. Für die „Jugend forscht“-Talente kann man
sich nur wünschen, dass Wanka es gelingt, mit den Ländern ein
schlüssiges Förderkonzept für die jungen Wissenschaftler in
Deutschland zu entwickeln.

Die meisten jungen

Forscher sitzen auf wackeligen Stühlen

Pressekontakt:
Südwest Presse
Ulrike Sosalla
Telefon: 0731/156218

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