Südwest Presse: LEITARTIKEL · GESELLSCHAFT

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Abschied vom Diskurs

Jeder Bürger sollte seine Einkommensteuer auf einem Bierdeckel
ausrechnen können – mit dieser Forderung sorgte 2003 der
CDU-Politiker Friedrich Merz für Furore. Später räumte er unumwunden
ein, dass der Bierdeckel nur ein Symbol für die geforderte
Vereinfachung war. Er wusste genau, dass sich das hochkomplexe
Steuersystem nicht so einfach entrümpeln lässt wie ein vollgestellter
Keller an einem Samstagnachmittag. In einer immer komplexeren Welt
wächst die Sehnsucht nach simplen Antworten und Lösungen, damit sich
der Nebel etwas lichtet. Eine Zuspitzung wie der Merz–sche Bierdeckel
kann dabei durchaus hilfreich sein, um Debatten anzustoßen und
überhaupt etwas zu bewegen. Doch inzwischen gibt es einen Trend in
Deutschland zur billigen Vereinfachung, zur Banalisierung und
Schablonisierung, der beängstigend ist. Und das bei einem stetig
steigenden Bildungsstand. Insbesondere in den sozialen Netzwerken,
aber nicht nur da, sind jede Menge Pseudo-Experten unterwegs, die
meinen, die einzige und allein gültige Wahrheit für sich gepachtet zu
haben, egal welches Thema gerade en vogue ist. Während wirkliche
Experten mitunter ein ganzes Berufsleben brauchen, um Antworten auf
hochkomplexe Fragestellungen zu finden, schwingt sich mancher Laie
über Nacht zur Koryphäe auf. Und wehe, man folgt ihm nicht in seinem
Schwarz-Weiß-Denken. Gut ist nämlich nur der, der die eigene Meinung
teilt. Die anderen ignoriert man bestenfalls, im schlechteren Fall
greift man zur Fäkalsprache oder wünscht dem Spielverderber gar den
Tod. Die Bereitschaft, sich ohne vorgefertigte Ansicht mit den vielen
Facetten eines Problems zu befassen, sinkt. Es schlägt die Stunde der
Dilettanten – und der Gesinnungsterroristen. Dabei leben wir in einer
Welt voller Widersprüche, in einer Welt aus immer
ausdifferenzierteren Systemen und Subsystemen, in denen eine Unzahl
von Faktoren aufeinanderwirken. Ein Prozess, der sich durch die
Globalisierung und Digitalisierung noch verstärkt hat. Beispiele gibt
es zuhauf: Das Finanzsystem, die deutsche Rechtsordnung, die
parlamentarische Demokratie mit ihren komplizierten
Entscheidungsfindungsprozessen, Konzerne, die sich aus dutzenden
Tochterunternehmen zusammensetzen. Oder unsere heterogene
Gesellschaft mit unterschiedlichen Lebensformen und Menschen
unterschiedlicher Abstammung. Wenn schon jede Patchworkfamilie ein
ziemlich komplexes System ist – wie soll man da die Welt
durchschauen? Früher haben die Tagesschau und der Pfarrer auf der
Kanzel etwas Ordnung in das Durcheinander gebracht. Heute hat jeder
Zugriff auf Unmengen an Informationen, die sich kaum mehr sortieren
lassen. Der Trend zur Vereinfachung ist da ein Stück weit
verständlich, sehnt sich der Mensch doch schon immer nach Ordnung und
Orientierung. Wenn aber nur noch aufeinander eingedroschen wird,
statt Probleme – im Wissen, dass es so gut wie nie nur eine Wahrheit
und eine Lösung gibt – im gesellschaftlichen Diskurs zu erörtern,
wird es ungemütlich. Politiker, die sich mit aktionistischen und
populistischen Vorschlägen Tag für Tag überbieten, geben leider kein
gutes Vorbild. Wie sich Komplexität bewältigen lässt, ist eine der
großen Fragen moderner Gesellschaften. Dreht man an einem
Schräubchen, hat dies Folgen an vielen Stellen, nicht nur an einer.
Ein Denken in Extremen hilft hier nicht weiter, jedoch der Austausch
von Argumenten, Differenzieren und ein kleines Wort mit vier
Buchstaben: aber. Trend zur billigen Vereinfachung in einer komplexen
Welt

Pressekontakt:
Südwest Presse
Ulrike Sosalla
Telefon: 0731/156218

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