Südwest Presse: LEITARTIKEL · GRÜNE WOCHE

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Das Tierwohl im Blick

Schwierig ist noch ein vorsichtiger Ausdruck für die
wirtschaftliche Lage der deutschen Landwirte. Im vergangenen Jahr
sind ihre Gewinne um ein Drittel eingebrochen, und derzeit geht es
weiter abwärts. Sie bekommen zu spüren, dass sie zwar lokal
produzieren, aber Teil eines weltweiten Systems sind, das durch die
schwache internationale Nachfrage und den Boykott Russlands gegen
Lebensmittel aus der EU durcheinander geraten ist. Mancher dürfte
sich auch fragen, ob es klug war, so stark auf die Karte Export zu
setzen. Gleichzeitig geraten die Bauern immer stärker unter Druck von
Gesellschaft und Verbrauchern, die insbesondere kritisieren, unter
welchen Bedingungen Tiere gehalten werden. Langsam, aber sicher
wächst ihr Bewusstsein für das Thema Tierwohl. Bei der Grünen Woche
in Berlin, die heute ihre Tore für das Publikum öffnet, wird es viel
diskutiert, auch wenn es noch keine befriedigenden Antworten gibt.
Aber was heißt „die“ Bauern. Es gibt ein breites Feld von
Familienbetrieben in Süddeutschland, die sich um artgerechte
Tierhaltung bemühen und das Futter selbst anbauen, bis zu
Agrarfabriken im Norden, in denen unglaubliche Mengen von Hähnchen
oder Schweinen gemästet werden. Sie sind in erster Linie eine gute
Kapitalanlage. Wobei Gut und Böse nicht eindeutig verteilt sind: Es
gibt auch kleine Betriebe, die sich zu wenig ums Tierwohl kümmern,
und große, die vorbildlich arbeiten. Nur eine Illusion sollten sich
Verbraucher nicht machen: Die „Kuschellandwirtschaft“ wie im
Bilderbuch gibt es nicht, wo die glückliche Kuh noch Bertha heißt und
von der Bäuerin persönlich gemolken wird. Auch Landwirte sind
Kaufleute, die mit modernen Produktionsmethoden arbeiten und für ihre
Arbeit ein Einkommen wie andere Berufsgruppen verdienen. Zudem
erledigen sie wichtige Aufgaben wie die Pflege der Landschaft, was
gerne übersehen wird, aber ein wesentlicher Grund für die erheblichen
Subventionen ist. Lange haben sich die „kritischen“ und die
„konventionellen“ Bauern angefeindet. Auch morgen gibt es unter dem
Motto „Wir haben es satt“ wieder eine Großdemonstration in Berlin
anlässlich der Grünen Woche gegen die Agrarindustrie und eine –
deutlich kleinere – Gegenkundgebung. Es würde mehr bringen, wenn
beide Gruppen abrüsten und mehr an einem Strang ziehen würden.
Genauso heterogen wie die Bauern sind die Verbraucher. Da gibt es den
Schnäppchenjäger, für den nur der Preis zählt, genauso wie den
überzeugten Bio-Käufer oder gar Veganer. Dazwischen steigt die Zahl
der Käufer, die verstärkt auf das Tierwohl achten und zumindest in
Umfragen bekunden, sie seien bereit, dafür deutlich mehr Geld
auszugeben. Ob sie es tatsächlich tun, müssen sie erst beweisen.
Zumindest wirbt der Handel noch viel mit Fleischpreisen, die Bauern
die Tränen in die Augen treiben. Bei Fragen nach den
Produktionsbedingungen werden die Verbraucher leider weitgehend
allein gelassen, wenn sie nicht gleich zu Bio greifen wollen. Es gibt
eine Initiative großer Händler, die Landwirten vier Cent pro
Kilogramm Fleisch mehr zahlen, wenn sie mehr aufs Tierwohl achten.
Dafür machen sie erstaunlicherweise noch nicht einmal Werbung, was
eher zeigt, dass sie ein schlechtes Gewissen haben. Daneben existiert
ein Label des Tierschutzbundes, das aber wenig verbreitet ist. Ein
staatliches Kennzeichen wäre im Interesse der Verbraucher wie der
Bauern, die sich von der Agrarindustrie abgrenzen wollen. Bei Öko
klappt es ja auch. Die Landwirtschaft zum Kuscheln gibt es nicht

Pressekontakt:
Südwest Presse
Ulrike Sosalla
Telefon: 0731/156218

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