Südwest Presse: LEITARTIKEL · LANDTAGSWAHL – Alles Kretschmann?

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Grün wählen. Für Kretschmann“. Das Motiv, das die
Grünen im Endspurt des Wahlkampfes plakatieren und in Anzeigen
verbreiten, fasst die Botschaft des vergangenen halben Jahres wie
unter einem Brennglas zusammen: Pur, ohne jede politische Nachricht,
lächelt der Landesvater den Betrachter huldvoll an. Einer der
Gründungsgedanken der Grünen, Politik vom Inhalt her zu definieren,
tritt hinter die Person zurück. Kaum anders als in den von der grünen
Klientel so oft verlachten und kritisierten US-amerikanischen
Wahlkämpfen. Verwundert es also, dass das Land – wenn sich die
Umfragen der Meinungsforscher bestätigen – vor einem politischen
Erdbeben steht? Ein Erdbeben, das die Grünen zum ersten Mal zur
stärksten Kraft in einem Landesparlament machen könnte. In
Baden-Württemberg, der ewigen CDU-Hochburg. Nein, es verwundert
nicht, denn die Rolle des über allem schwebenden Landesvaters hat
Winfried Kretschmann nicht nur perfekt ausgefüllt. Er hat zugleich
dem in weiten Teilen noch immer konservativ geprägten
Baden-Württemberg den Glauben an eine Vorbildfigur in der Rolle des
Regierungschefs zurückgegeben. Die Zustimmung der Bevölkerung –
immerhin würden bei einer Direktwahl über 60 Prozent Kretschmann
wählen – speist sich aus der Enttäuschung über seine Vorgänger.
Sowohl Stefan Mappus als auch Günther Oettinger erreichten nie die
Rolle, die einst Erwin Teufel innehatte. Winfried Kretschmann schon.
Danach hat sich ein Großteil der Bevölkerung offensichtlich gesehnt.
Kretschmann beförderte dies im Wahlkampf in einer Mischung aus Taktik
und Instinkt, in dem er zum Ärger der CDU in seinen Reden von Konrad
Adenauer bis hin zu Kanzlerin Angela Merkel Konservative als
Kronzeugen seiner Überzeugungen bemühte. Der Ministerpräsident
erscheint aber vor allem deshalb so stark und dominant, weil seine
politischen Gegner weiter hinter den Erwartungen zurückblieben. Der
Herausforderer, CDU-Chef Guido Wolf, agierte glücklos, bisweilen
sogar planlos. Der Versuch, auf Augenhöhe die Person Kretschmanns
anzugreifen, scheiterte. Der Person Wolf gelang es nicht, den Nimbus
des Gegners zu zerstören. Ganz im Gegenteil: Oft wirkte er
verkrampft, eine klare Taktik war nicht zu erkennen. Besonders
deutlich wurde dies im Verhältnis zur Kanzlerin: Auf dem
CDU-Parteitag im Dezember in Karlsruhe überreichte er Merkel noch
einen Stoffwolf, im Februar attackierte er gemeinsam mit Julia
Klöckner die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Inhaltlich folgte er
damit dem Unmut der CDU-Basis, den Wählern aber bot er das Bild einer
zerstrittenen Partei – die Quittung erhielt er in den Umfragen. Damit
steht auch Wolfs politisches Überleben auf dem Spiel: Sollte die CDU
unter 30 Prozent bleiben und es nicht zu einer Regierungskoalition
reichen, wird Angela Merkel kaum an dem ehemaligen Landrat festhalten
wollen. Doch die erdrückende Übermacht des Amtsinhabers könnte am
Ende das grün-rote Projekt beenden. Je erfolgreicher Kretschmann ist,
desto schwächer wird die SPD. Obwohl der blasse Spitzenkandidat Nils
Schmid zahlreiche Positionen in der Koalition durchsetzen konnte,
steht die Partei vor dem größten Debakel ihrer Geschichte. Ein
Abrutschen unter 15 Prozent, vielleicht sogar hinter die AfD, scheint
möglich. So heißt am Ende der stärkste Trumpf der Regierung
Kretschmann – Kretschmann. Ob das allein zum Wahlsieg reicht, wissen
wir erst am Sonntagabend.

Pressekontakt:
Südwest Presse
Ulrike Sosalla
Telefon: 0731/156218

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