Südwest Presse: Leitartikel Parteien

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Mehr Charisma, bitte

Hinterher ist man immer schlauer, das gilt auch in der Politik.
Und so mangelt es knapp zwei Wochen nach dem Beben der
baden-württembergischen Landtagswahl auch nicht an Erklärungen, warum
es gerade die „Volksparteien“ so gebeutelt hat. Flüchtlingskrise,
Unions-Streit, Kretschmann-Bonus: Vieles gilt als ursächlich, warum
CDU und SPD auf historische Tiefstwerte absackten. Doch eins ist
offensichtlich: Mit Guido Wolf (CDU) und Nils Schmid (SPD) hatten die
Parteien zwei erstaunlich blasse Spitzenkandidaten aufgeboten.
Schmid, der spröde Finanzexperte; Wolf, der reimende Ex-Landrat – ihr
Image haben sie nie abstreifen können. Die landesväterliche Aura
Winfried Kretschmanns (Grüne) war nicht anzukratzen. Fehlendes
Charisma, lautet die Diagnose. Doch was heißt das? Mit dem Begriff
Charisma tut man sich gerade in Deutschland schwer. Der große
politische Denker Max Weber hat es vor beinahe 100 Jahren als fast
magisches Band beschrieben, das die „außeralltägliche Persönlichkeit“
eines charismatischen „Führers“ mit dessen glühender Gefolgschaft
verbindet. Dinge wie Vernunft und Regeln werden in diesem Denkmodell
außer Kraft gesetzt – und ersetzt durch Emotion und Glauben an die
Person. Kaum hatte Weber das geschrieben, begann der Aufstieg von
Diktatoren wie Hitler und Mussolini. Führerkult und Fanatismus
gehörten zur Mixtur, die Europa in die Katastrophe stürzte. Das hat
den Charisma-Begriff nachhaltig vergiftet. Zu starke Personalisierung
gilt in der Politik bis heute als unfein, und die Deutschen setzten –
mit großem Erfolg – fortan meist auf zuverlässige Technokraten oder
Vaterfiguren mit Tendenz zum Betulichen. Wer „schillert“, ist
verdächtig. So verständlich das sein mag: In einer Mediengesellschaft
führt es in ein Dilemma. Nicht nur, dass Populisten die Marktlücke
nutzen. Weil die Themen in einer beschleunigten und globalisierten
Welt immer komplexer werden, ist Personalisierung schlicht
unerlässlich. Auf der Suche nach Politikern, die wenigstens einen
Hauch „Besonderes“ ausstrahlen, rücken die Medien Leute ins
Rampenlicht, die formal eher Randfiguren sind. Anders ist etwa die
Dauerpräsenz des Tübinger OB Boris Palmer (Grüne) kaum zu erklären.
Der US-Wahlkampf führt zwar gerade lebhaft vor Augen, zu welchen
Exzessen extreme Personalisierung führen kann. Das Problem ist: Ganz
ohne geht es auch nicht. Ein gesunder Mittelweg wäre ja möglich. Doch
gerade an den Parteibasen mangelt es oft am Gespür für die
Ausstrahlung von Kandidaten. Schmid und Wolf wurden im Südwesten per
Mitgliederentscheid auf den Schild gehoben. Nun gelten sie als
„verbrannt“. 1994 war es Rudolf Scharping, den die SPD-Basis per
Entscheid ins Rennen gegen Kanzler Helmut Kohl schickte. So wollte
man Gerhard Schröder verhindern, der bereits zur Macht drängelte, in
der Partei vielen aber als zu unberechenbar galt. Das Ergebnis ist
bekannt: Der biedere Scharping scheiterte krachend, Schröder führte
die SPD vier Jahre später zum Sieg. Charisma in der Politik mag
Risiken und Nebenwirkungen haben – die haben Technokratentum und
Biedermeier allerdings auch: Sie lauten Langeweile und Desinteresse.
Charisma hingegen steht auch für Begeisterungsfähigkeit und
Identifikation. Personen wie Willy Brandt und Franz Josef Strauß
gelang es einst, ihre Generation politisch zu elektrisieren. Eine
Prise mehr davon würde Deutschland gut tun. Der Grat ist schmal, und
manches mag am Ende in Enttäuschung münden. Aber entzaubern lässt
sich nur, was einmal einen Zauber hatte.

Pressekontakt:
Südwest Presse
Ulrike Sosalla
Telefon: 0731/156218

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