Südwest Presse: LEITARTIKEL · VW

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Andere Kultur nötig

Volkswagen ist nicht zufällig des Lugs und Betrugs überführt
worden. Viele Autobauer halten Abgasgrenzwerte nicht ein, reizen
Möglichkeiten von Prüfverfahren extrem aus, geben völlig illusorische
Verbrauchswerte für ihre Autos an. Aber nur die Wolfsburger haben
Fahrzeuge in betrügerischer Absicht verändert, Kunden über Jahre
hinweg getäuscht, Menschen und Natur geschädigt. Für die Eskalation
gibt es viele Gründe. Der wichtigste liegt in der Struktur des
Unternehmens selbst. Die mächtigste Autodynastie der Welt mit den
Familien Piëch/Porsche drückt dem Unternehmen bis heute ihren Stempel
auf. Knacken lässt sich dies nur durch Dezentralisierung. Ein Umbau
ist nötig.

Wenn es stimmt, dass Ingenieure bei VW bei Nichterfüllung von
Arbeitszielen regelrecht Angst haben, sind auch ihre Täuschungen zu
erklären. In strengen Hierarchien wird Kritik gern als störende
Meinungsäußerung und das Anprangern von Regel- und Gesetzesverstößen
als Nestbeschmutzung gesehen. Es entsteht Konformitätsdruck. Mitreden
und -denken kann unerwünscht sein. Meist agieren Mitarbeiter im
vorauseilenden Gehorsam. Seilschaften bestimmen Strukturen.
Männerriegen schotten sich ab. Die als Wohnort für die Mitarbeiter
des Volkswagenwerkes konzipierte Provinz-Stadt Wolfsburg ist ein
Symbol für die engen Strukturen des Welt-Konzerns. Aber nicht nur der
Druck auf VW-Mitarbeiter war wohl groß, auch mittlere Führungskräfte
haben unter dem Ziel der Wolfsburger Leitwölfe zu leiden: Nummer 1 in
der Welt zu werden und Toyota hinter sich zu lassen. Oft stehen in
der Industrie kurzfristige Renditeziele vor langfristigem
Wirtschaften. Qualität scheint der Feind von Absatzzahlen und
Gewinnmargen geworden zu sein. Die Verkaufszahlen in den USA waren
nicht gut. Deshalb mussten die US-Abgaswerte erreicht werden, kostete
es was es wolle. Der Druck war so groß und die Befehle so eindeutig,
dass der Betrug selbst dann nicht mehr beendet wurde, als
amerikanische Behörden den Deutschen auf die Schliche kamen. Nun sind
viele Änderungen bei VW nötig. Als Korrektiv ist ein unabhängiger
Betriebs- und Aufsichtsrat wichtig. Deshalb sind die Ernennung von
Ex-Finanzchef Hans Dieter Pötsch zum obersten Aufseher und
Porsche-Chef Matthias Müller zum VW-Boss schlechte Zeichen – beide
sind Eigengewächse. Vielleicht hat sogar VW-Patriarch Ferdinand Piëch
einen infamen Plan geschmiedet, um seine Vertrauten an die
Schaltstellen der Macht zu setzen und Widersacher Martin Winterkorn
ins offene Messer laufen zu lassen. Doch das ist nicht bewiesen. Das
alles passierte auf dem Rücken des Unternehmens, der Mitarbeiter und
der deutschen Industrie, die unter dem Vertrauensverlust leidet.
Viele Angestellte wussten Bescheid. In Unternehmen muss es künftig
Stellen geben, denen sich Mitarbeiter anvertrauen können und die
dafür belohnt, zumindest nicht bestraft werden. Das hat nichts mit
Verrat am Unternehmen zu tun, sondern mit Fürsorge. VW muss den
Marken mehr Spielraum geben, sich eine andere Unternehmenskultur zu
suchen. Frauen sollten endlich in die Top-Führungsetage einziehen.
Ein Aufsplitten des Konzerns ist so lange unnötig, wie VW eigene
Töchter wie Skoda oder Audi nicht in ihrer Existenz gefährdet – und
danach sieht es derzeit nicht aus. VW muss sich ein Stück weit neu
erfinden und die Macht der Familien begrenzen. Es gilt, sich auf das
zu besinnen, was den Konzern zum größten europäischen Autobauer
gemacht hat: gute Qualität.

Volkswagen muss sich ein Stück weit neu erfinden

Pressekontakt:
Südwest Presse
Ulrike Sosalla
Telefon: 0731/156218

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