taz-Kommentar von Barbara Jungeüber die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern: Entwarnung sieht anders aus

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Die Versuchung ist groß, nach dem Wahlergebnis vom
Sonntag ein ganzes Bundesland in die rechtsextreme Schublade zu
packen. Das wäre falsch. Es ist nicht das ganze Bundesland. Es ist
ein kleiner Teil seiner Einwohner. Dieser braune Bodensatz ist seit
vielen Jahren bereit, menschenverachtende, rassistische Parteien zu
wählen, ganz gleich, ob sie im Gewand der NPD oder AfD daherkommen.
Diese Haltung gehört bekämpft, nicht umarmt. Das ist die erste Lehre
dieser Wahl.

So entschieden, wie es gilt, die Grenze nach ganz rechts zu
ziehen, muss aber der Diskurs mit einem anderen Teil der Wähler
stattfinden – jenen, die am Sonntag erstmals AfD gewählt haben, weil
sie den Eindruck haben, in diesem Land stimme etwas nicht. Denn auch,
wenn es wieder zur Großen Koalition reichen sollte: Entwarnung sieht
anders aus. In Mecklenburg-Vorpommern hat ein Countdown bis zur
Bundestagswahl begonnen. Es gilt, darum zu ringen, dass unsere
Gesellschaft eine offene bleibt.

Diese Offenheit heißt mindestens, dass in einem modernen Land
unterschiedliche Kulturen in einer Toleranzgesellschaft neben- und
miteinander leben können. Nicht jedem fällt es leicht, islamische
Verhüllungstraditionen zu akzeptieren, die Präsenz von diversen
Religionen oder auch gewissen Formen des Feinripps als Ausdruck
soziokultureller Herkunft. Aber tolerieren, das muss schon sein. Das
Werben um diese Toleranz ist die dringendste Aufgabe in den kommenden
Monaten, und es muss lauter und leidenschaftlicher sein als die
Melodie des Hasses.

In Mecklenburg-Vorpommern beklagen viele Menschen, die nun AfD
gewählt haben, man habe sie vergessen. Das Geld ginge immer nur zu
anderen, Straßen bröckelten, Jugend sei ohne Perspektive. Es ist die
Aufgabe von Politik, die Lebensbedingungen der Menschen zu
verbessern. Die Aufmerksamkeit für Probleme vor Ort, das Lösen von
Konflikten im Kleinen, das ist neben dem Werben um Toleranz jetzt
dringend nötig.

Die parlamentarische Politik ist dazu allein nicht in der Lage. Es
sind Bürgerinitiativen, Kulturzentren und Antifa-Schülergruppen,
kurz: die Engagierten, die einen verdammt wichtigen Anteil daran
tragen. Die zweite, große Lehre von Sonntag ist deshalb diese: Die
Frage, wohin dieses Land steuert, ist zu groß, um sie zu delegieren.

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taz – die tageszeitung
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