Verwirrte Liebende auf hoher See

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Über 400 Jahre ist sie alt und immer noch ein Dauerbrenner auf den Bühnen der Welt: William Shakespeares Komödie »Was ihr wollt«, uraufgeführt 1601, ist das beliebteste und bekannteste Lustspiel des Großmeisters der Darstellung menschlicher Irrungen und Wirrungen. Der ursprüngliche Titel: »Die zwölfte Nacht oder Was ihr wollt« bezieht sich auf die 12. Nacht nach Weihnachten, in der im elisabethanischen England die Weihnachtszeit in ausgelassenem Treiben mit Verkleidung, Spiel und Spaß endete, in der angeblich alles möglich war und Träume in Erfüllung gehen sollten. »Was ihr wollt« ist ein ausgesprochenes Ensemblestück mit einem unterhaltsamen Durcheinander von Liebe, Intrige und turbulenten, mitunter rüpeligen Szenen aber auch mit vielen melancholischen Zwischentönen. Für diese Inszenierung, die am 24. Juni 2017 im Großen Haus Premiere hat, kehren Herbert Olschok (Regie) und Alexander Martynow (Bühne) ans Theater Heilbronn zurück. Die beiden haben schon »Harold und Maud« im Komödienhaus inszeniert. Für die Kostüme haben sie Sabine Pommerening mit ins Team geholt.
Zum Inhalt
Bei einer Schiffskatastrophe vor der Küste Illyriens werden die Zwillinge Viola und Sebastian auseinander gerissen. Jeder hält den anderen für tot. Doch das Leben muss weitergehen, und Viola beschließt, als Mann verkleidet, in die Dienste Orsinos, Herzog von Illyrien, zu treten. Niemand durchschaut ihre Maskerade und schnell gewinnt Cesario, so nennt sich Viola jetzt, das Vertrauen des Herrschers. Den treibt momentan nur ein Gedanke um, seine Liebe zur Gräfin Olivia. Diese erhört den Herzog nicht, sie hat sich nach dem Tode ihres Bruders eine siebenjährige Trauer auferlegt. Aber Orsino gibt nicht auf und schickt seinen neuen Vertrauten Cesario zur Gräfin, auf dass der für den Herzog bitten möge. Angesichts des schönen »jungen Mannes« vergisst Olivia ihre Trauer und verliebt sich in »ihn«. Viola, alias Cesario, ist doppelt verzweifelt wegen dieser Entwicklung. Denn ihre Liebe gehört dem Herzog, dem sie sich jedoch als Mann nicht offenbaren darf.
Als wenn das nicht schon verzwickt genug wäre, hat sich auch Sir Andrew Leichenwang, der Saufkumpan von Olivias Onkel Sir Toby Rülps, in die Gräfin verguckt und möchte sie unbedingt heiraten. Und auch der blasierte Haushofmeister Malvolio hat heimlich ein Auge auf seine Herrin geworfen. Das nutzt Maria, die Dienerin von Olivia, zusammen mit den beiden Herren für eine kleine bösartige Intrige aus, indem sie dem rechthaberischen Haushofmeister vorgaukeln, seine Herrin würde seine Gefühle erwidern.
Und auch damit noch nicht genug an Liebesverwirrungen. Denn eines Tages taucht Violas Zwillingsbruder Sebastian wieder auf, der seiner Schwester ungemein ähnlich sieht, erst recht jetzt, da sie sich als Mann ausgibt. Der einzige, der das Spiel zu durchschauen scheint, ist, wie sollte es anders sein, der Narr.
Herbert Olschok verlegt Handlung auf das Schiff Illyrien
In Herbert Olschoks Inszenierung ist Illyrien keine Insel, sondern ein alter, an ein Kreuzfahrtschiff erinnernder Dampfer, der schon Patina angesetzt hat und einsam im Weltmeer der Träume treibt  ? Sinnbild einer vermeintlichen, trügerischen Mobilität. Denn auf diesem Schiff bewegt sich schon lange nichts mehr, verharren die Figuren in ihren Wünschen und Sehnsüchten. Sie haben sich eingerichtet und befassen sich alle nur mit sich selbst. Bis durch die Schiffbrüchige Viola, die angespült wird und von außen eindringt, alles in Bewegung gerät und das Spiel der Verwechslung mit viel Situationskomik beginnt. Unterstützt werden die Charaktere in ihrem Sehnen und Suchen durch die Musik, die live gesungen wird. Zeitlose Balladen, die direkt aus ihrem Inneren zu sprechen scheinen und den Zuschauer direkt ins »Sonnengeflecht« (Olschok), also ins Herz treffen sollen.
»Mit Shakespeares Text wird dem Theater und dem Publikum eine Partitur geboten, die sehr viel mehr enthält als eine simple Verwechslungskomödie. Vielmehr ist sie offen für allerlei Variationen: Sie liefert die Noten für Gags, groteske Liebeswerbungen, für Täuschung und Selbsttäuschung, für Lachsalven und Lächerlichkeiten, für die Darstellung des Weiblichen im Männlichen und des Männlichen im Weiblichen, für frivole Geilheit, wilde Lust, ekstatische Glut, aber auch Trauer, Melancholie und quälenden Lebenshunger. Und das alles in dem einen Thema, dem großen Thema der Verliebt und Narrheit, wobei Liebe nicht selten nur eine Form der Narrheit darstellt.«  (Christa Jansohn in ihrem Essay »Was ihr wollt ? Liebeswirrwarr, Melancholie und Schabernack in der Zwölften Nacht« In: Shakespeare »Was ihr wollt«, Zweisprachige Ausgabe, Deutsch von Frank Günther, München 2001)
Herbert Olschok wurde 1951 in Brünlos geboren. Von 1973-76 studierte er an der Staatlichen Schauspielschule Rostock und war zwischen 1976 und 2003 an den Theatern in Rudolstadt, Schwerin, Dresden, Meiningen, Leipzig, Potsdam, am Berliner Ensemble und dem Deutschen Theater Berlin als Schauspieler und Regisseur tätig. Von 1991-94 war er Schauspieldirektor am Nationaltheater Weimar und von 1994-2000 Schauspieldirektor in Chemnitz. Von 2005-2009 Schauspieldirektor am Theater Dessau und von 2011-2013 Künstlerischer Leiter des »Theater im Palais« Berlin. Von 2013-2016 war er Leiter der Schauspielabteilung an der Theaterakademie Zinnowitz. Bereits seit 1990 arbeitet er regelmäßig in Kanada, unter anderem als Professor an der Universität Toronto und an verschiedenen Schauspielschulen des Landes. In Heilbronn inszenierte er bereits »Harold und Maude«.

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