WAZ: Das Jahr der Ernüchterung – Kommentar von Michael Kohlstadt zu Flüchtlingen

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300.000? 500.000? Eine Million? In der Diskussion,
wie viele Flüchtlinge ein Land von der Größe und Leistungsfähigkeit
der Bundesrepublik verkraften kann, stand die Frage nach den Grenzen
der Belastbarkeit schnell ganz oben auf der Tagesordnung. Es ist die
berüchtigte Frage nach der Obergrenze, der nicht nur Angela Merkel
immer aus dem Wege ging. Das historische „Wir schaffen das“ der
Kanzlerin, genau heute vor einem Jahr auf ihrer Sommerpressekonferenz
formuliert, setzte genau genommen immer auf die Dehnbarkeit gleich
zweier Tugenden: die der neuen deutschen Willkommenskultur und die
des alten deutschen Organisationstalents.

„Wir schaffen das, und wo uns etwas im Wege steht, muss es
überwunden werden“, führte Merkel damals weiter aus. Es war schnell
klar, dass das Überwinden viel Arbeit mit sich bringen wird. Weniger
klar war, wem genau was im Wege steht und wer es überwinden muss.
Denn eine Blaupause für eine durchdachte und sozialverträgliche
Aufnahme und Unterbringung so vieler Menschen in so kurzer Zeit gab
und gibt es nicht. Das war von Anfang an das Risiko des
Merkel-Satzes.

Innerhalb von nur zwölf Monaten ist die Bevölkerung Deutschlands
um die Einwohnerzahl der Stadt Köln gewachsen. Kein Land der Welt ist
auf einen derartigen Bevölkerungssprung vorbereitet. Im Jahr eins
nach Merkels Satz lässt sich immerhin sagen: Die Flüchtlingskrise hat
Land und Leute nicht in die Knie gezwungen. Doch nach der
Willkommens-Euphorie im letzten Herbst ist die Stimmung bei vielen
Menschen längst umgeschlagen. Selbst unter Wohlwollenden macht sich
Ernüchterung breit. Denn es sind die Mühen der Ebene erreicht: ein
riesiger Antragsstau im Bundesamt für Migration, überlastete
Verwaltungsgerichte, kaum abbaubare Überstundenberge bei Behörden.

Auch das im Sommer als Durchbruch gefeierte Integrationsgesetz
muss sich noch bewähren. Wie sich jetzt zeigt, ist die
Wohnsitzauflage, die die Lasten der Integration gleichmäßiger
verteilen soll, alles andere als durchdacht. Und wieder einmal werden
Probleme durchgereicht: an unsere Städte.

Pressekontakt:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
Telefon: 0201 – 804 6519
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