WAZ: Die gehetzte Generation. Kommentar von Julia Emmrich zu Sandwich-Frauen

Abgelegt unter: Innenpolitik |





Die meisten Frauen in der Lebensmitte kümmern sich
von morgens bis abends: Um die Kinder, auch wenn sie schon älter
sind. Um ihren Job, auch wenn sie eigentlich eine Teilzeitstelle
haben. Um den Haushalt, auch wenn sie sich das Kochen, Putzen,
Waschen eigentlich mit ihrem Mann teilen wollten. Und oft auch noch
um die Eltern oder die Schwiegereltern. Aus Pflichtgefühl, aus
Dankbarkeit – oder weil es sich einfach richtig anfühlt und gut tut.
Alles in allem ist das ein strammes Programm. Besonders dann, wenn
aus anfänglichem Kümmern um die Eltern echter Pflegedienst wird. Doch
zum Jammern haben die meisten keine Zeit. Und viele auf den ersten
Blick auch keinen Grund: Haben Sie sich nicht selbst für dieses
Lebensmodell entschieden? Und ziehen sie nicht auch viel Kraft und
Lebensfreude daraus? Es ist deshalb gut, wenn andere das Jammern
übernehmen. Oder besser: Wenn andere über Zumutungen und
Überforderungen sprechen, die aus diesem Programm erwachsen können.
Es ist gut, wenn über die Vielfachbelastungen der Sandwich-Generation
gesprochen wird. Oder wenn berufstätige Mütter Bücher über die
„Vereinbarkeitslüge“ schreiben. Die „gehetzte Generation“, die die
SPD als Zielgruppe entdeckt hat, gibt es wirklich. Sicher, es gibt
auch Frauen, denen macht die Vielfachbelastung nichts aus. Und es
gibt nach wie vor viele Familien, in denen die Rechnung aufgeht: Der
eine verdient das Geld, die andere kümmert sich um die Kinder, den
Haushalt und die alte Schwiegermutter. Doch seit in Deutschland auch
für verheiratete Frauen gilt, dass nur Erwerbstätigkeit auf Dauer für
soziale Sicherheit sorgt, ist es riskant, in die traditionelle
Fürsorge-Rolle zu schlüpfen. Das wissen die meisten. Sie arbeiten
sich deswegen am täglichen Spagat ab und lernen mit dem schlechten
Gewissen zu leben. Weil immer einer zu kurz kommt: der Job, die
Kinder, die alten Eltern. Oder auch die Frauen selbst. Es ist gut,
dass das Land nicht mehr nur über die Probleme von jungen Eltern
redet – sondern auch über die Zerreißprobe in der Lebensmitte.

Pressekontakt:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
Telefon: 0201 – 804 6519
zentralredaktion@waz.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



Blog Top Liste - by TopBlogs.de Blogverzeichnis Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de