WAZ: Die neue Lust am Helfen. Kommentar von Julia Emmrich zu Flüchtlingen

Abgelegt unter: Innenpolitik |





Es klingt nach einem neuen Sommermärchen: An den
großen Bahnhöfen versammeln sich Hunderte, um die Züge mit den
Flüchtlingen aus Ungarn zu begrüßen – mit Applaus, Obst und
Getränken. In Flüchtlingsunterkünften stapeln sich Kleiderspenden und
Spielsachen – so viele, dass die ersten Behörden schon darum bitten,
vorerst keine weiteren Sachspenden vorbeizubringen. Was ist los mit
den Deutschen? Woher kommt diese ungeahnte Welle der
Hilfsbereitschaft? Es gibt gleich drei starke Gründe dafür: Die
eigene Geschichte, das kraftvolle Ego und der Zeitgeist. Viele
Deutsche sind in Familien hineingeboren, in denen Flucht und
Vertreibung zur Familiengeschichte gehören. Lange wurde darüber
öffentlich wenig geredet, in vielen Familien aber wurden solche
Bilder vererbt: Erfrorene und verhungerte Menschen, zerschossene
Flüchtlingstrecks, versenkte Flüchtlingsschiffe. Wer überlebt hatte,
wurde selten herzlich begrüßt – die Einheimischen wollten oft nichts
mit den Flüchtlingsfamilien zu tun haben. Heute dagegen überwiegt das
Mitgefühl – auch durch die Erinnerung an eigenes oder geerbtes Leid.
Das andere ist das Gefühl der Stärke. Wer sich stark fühlt, dem fällt
es leichter, großzügig zu sein. In diesem Sommer ist das nationale
Ego der Deutschen kraftvoll wie schon lange nicht mehr: Die Angst vor
Arbeitslosigkeit ist gering, die Staatskasse ist voll.
Hunderttausende Flüchtlinge, die ihr Leben riskieren, um ausgerechnet
nach Deutschland zu kommen, sind deswegen eher ein Kompliment als
eine Bedrohung. Die Willkommenswelle hat aber auch mit dem Zeitgeist
zu tun: Je globaler und digitaler die Welt wird, je komplexer die
Politik und abstrakter die Einflussmöglichkeiten, desto größer wird
die Sehnsucht nach greifbarem Leben: Die vielen Menschen, die
Willkommensfeste organisieren, Behördengänge begleiten und als Paten
bereit sind, über den Tag hinaus Verantwortung zu übernehmen – sie
tun das alles, um den Flüchtlingen zu helfen. Sie tun das aber auch,
weil sie mitgestalten können und weil Mitgestalten glücklich macht.

Pressekontakt:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
Telefon: 0201 – 804 6519
zentralredaktion@waz.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



Blog Top Liste - by TopBlogs.de Blogverzeichnis Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de