WAZ: Die Queen als Vorbild. Kommentar von Julia Emmrich zur Visite der britischen Königin

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Die Queen ist da – und das halbe Land ist entzückt.
Kindergartenkinder winken am Straßenrand, Schüler schwänzen den
Unterricht, erwachsene Menschen stehen sich die Beine in den Bauch,
um einen Blick auf die Engländerin zu erhaschen. Was ist da los? Ist
das ein letztes royales Zucken, eine heimliche Sehnsucht nach der
Monarchie? Oder schwingen die Deutschen in diesen Tagen ihre
England-Fähnchen, weil das zur europäischen Folklore einfach dazu
gehört und die Queen nun mal Kultstatus hat als Hundebesitzerin mit
Dauerwelle und Lackleder-Handtasche? Die Queen jedenfalls ist mehr
als das Oberhaupt einer Großfamilie, die mit ihren Liebesdramen,
Schwangerschaften und Scheidungen seit Jahrzehnten die Lufthoheit in
den Wartezimmern deutscher Arztpraxen verteidigt. Die Queen
verkörpert im Grunde etwas Unmögliches: Sie ist von gestern und
gleichzeitig hochmodern – ein Relikt aus einer anderen Zeit und ein
menschlicher Anker für alle, die sich in einer immer schnelleren Welt
nach Beständigkeit sehnen. Hinzu kommt: Die meisten Deutschen kennen
Großbritannien gar nicht mehr ohne diese Queen. England und Elizabeth
– das ist für die Mehrheit eine untrennbare Einheit. Die Queen, so
fühlt es sich an, war schon immer da. In Deutschland dagegen machen
selbst beliebte Kanzler oder Bundespräsidenten ihren Job immer nur
auf Zeit. Die Queen aber wirkt inzwischen zeitlos. Was es gibt, ist
eine große Sehnsucht nach glaubwürdigem Personal in der Politik. Nach
Führungsfiguren, die über den Tellerrand des Tagesgeschäfts blicken.
Nach Menschen, die Werte verkörpern und sie nicht alle Nase lang
ändern, nur weil es der Zeitgeist so will oder die neue
Parteistrategie oder der Geschmack der Medien. Die Queen und ihre
royale Welt sind sperrig, unzeitgemäß und undemokratisch – aber genau
deshalb für viele so beeindruckend. Was auch daran liegt, dass
Elizabeth es schafft, trotz Palast und königlichem „Pomp and
Circumstance“ das Image einer bescheidenen, höflichen Frau zu
pflegen, die mit geradem Rücken durch die Krisen gegangen ist.

Pressekontakt:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
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