WAZ: Krieg und dann doch kein Frieden – Kommentar von Alexander Marinos zum Sturm auf Mossul

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Die Einschläge seien nur „Gewitterdonner“, sollten
die Eltern ihre Kinder beruhigen, heißt es auf einem Flugblatt, das
die irakische Luftwaffe kurz vor den Angriffen über Mossul abwarf. Es
ist schwer zu sagen, ob man Kinder in einer solchen Situation belügen
soll. Ob man sie derart belügen kann, steht auf einem anderen Blatt –
einem Blatt freilich, das nicht verteilt wurde. Denn trotz schneller
militärischer Erfolge dürfte die Eroberung der zweitgrößten Stadt im
Irak nicht in wenigen Tagen erledigt sein. Der „Gewitterdonner“
dürfte lange andauern, vielleicht Monate. Und nach dem Gewitter ist
nicht automatisch vor dem Sonnenschein. Im Gegenteil. Frieden als
Folge des Krieges ist – wie meist – die leider unwahrscheinlichste
Variante.

Natürlich wäre es ein bedeutender militärischer Sieg über den IS,
ihm seine inoffizielle Hauptstadt zu entreißen. Endgültig vernichten
würde ihn das nicht. Vielmehr würde der IS noch mehr aus dem
Untergrund heraus agieren und sich stärker auf Mittel der
asymmetrischen Kriegsführung konzentrieren, was nichts anderes
bedeutet als: noch mehr Terror. Das Selbstmordattentat gestern
südlich von Bagdad an einem Polizei-Kontrollpunkt zeigt, dass es „den
Endkampf“ gegen den IS wohl niemals geben wird.

Spannender noch ist die Frage, wer oder was der Terrormiliz dort,
wo sie oberflächlich vertrieben wurde, folgt. Die bunte Schar der
Angreifer eint nur der gemeinsame Gegner, und selbstverständlich
wollen die Schiiten ihren Einfluss ausbauen, was die mehrheitlich in
Mossul lebenden Sunniten ablehnen. Dass die schiitischen Milizen
jetzt nicht in die Stadt eindringen sollen, ist für stabile
Verhältnisse eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung.
Dafür ist das Misstrauen zu groß. Eine andere Sprache als die der
Gewalt hat die irakische Unzivilgesellschaft nie gelernt.

Kurzfristig, solange der „Gewitterdonner“ anhält, bahnt sich eine
weitere Katastrophe an: eine nicht zu bewältigende neue
Flüchtlingswelle. Mag sein, dass in einigen Wochen ein paar
traumatisierte Iraker mehr in unseren Flüchtlingsheimen leben. Nichts
ist mehr „weit weg“.

Pressekontakt:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
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