WAZ: Sigmar Gabriel stellt sich – und braucht NRW – Leitartikel von Andreas Tyrock zur SPD-Kanzlerkandidatur

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Der Vizekanzler fordert die Kanzlerin heraus. Wie
sollte es sonst sein. Offiziell ist zwar noch nichts verkündet, doch
alles spricht dafür, dass Sigmar Gabriel seine Partei als
Kanzlerkandidat in die Bundestagswahl führen wird. Jede andere
Entscheidung wäre eine Sensation – und zudem eine massive Schwächung
des SPD-Vorsitzenden. Gabriel hat sich entschieden, zumal er auch
keine wirkliche Alternative sieht.

Tritt er nicht an, kann er nicht Parteichef bleiben. Es wäre das
Ende der politischen Karriere des ehrgeizigen Mannes aus Goslar, der
nahezu sein ganzes Leben lang die Politik brauchte wie die Luft zum
Atmen. Einst agierte er als junger Falke bei der
Nachwuchsorganisation gegen alles, was irgendwie nach Establishment
roch. Dann kämpfte er sich durch den niedersächsischen Landtag,
saugte vom dortigen Partei-Übervater Gerhard Schröder auf, was für
die spätere Laufbahn wichtig war.

Dem Altkanzler huscht noch heute ein verschmitztes Lächeln über
das Gesicht, wenn er über Gabriel spricht. Da dürfte er einiges vom
früheren Schröder wiedererkennen. Und auch die Rolle in der Partei
ist ähnlich. Die Jusos polterten gestern erneut los, als es um die
bevorstehende Kandidatur Gabriels ging. Der linke SPD-Flügel dürfte
ebenfalls nicht amüsiert sein, ist Gabriel doch ein SPD-Realo, der
sich auf manche Zickereien nicht mehr einlassen will. Dennoch kennt
Gabriel seine Partei gut genug und weiß, dass er die internen
Strömungen nicht unterschätzen darf. Wahlen werden zwar auch in
Zukunft in der Mitte gewonnen, gleichwohl hat die SPD in der
Vergangenheit auf traditionellen Feldern wie der sozialen
Gerechtigkeit und der Armutsbekämpfung an Glaubwürdigkeit verloren.
Zudem will der Spagat hin zu den Law-and-Order-Themen Innere
Sicherheit und Anti-Terror-Kampf erst einmal geschafft werden.

Wenn Gabriel Ende Januar seine Kandidatur bekanntgibt, muss er den
ganz großen Teil der Genossen hinter sich haben. Sie müssen für ihn
kämpfen, auch wenn so mancher Wahlhelfer die Gabriel-Plakate mit
spitzen Fingern aufhängen dürfte. Aber ein Wahlerfolg im Herbst, so
unwahrscheinlich er auch sein mag, gelingt nur gemeinsam. Eine
Binsenweisheit, über die sich jeder Sozialdemokrat im Klaren ist.

Gabriel geht mit seiner Kandidatur ein hohes Risiko. Denn anders
als bei den früheren SPD-Kanzlern Helmut Schmidt oder Gerhard
Schröder, die beide mit ihrer Partei fremdelten, zugleich aber in der
Bevölkerung großes Vertrauen genossen, sind die Beliebtheitswerte
Gabriels auch außerhalb seiner Partei alles andere als überzeugend.
Deshalb ist die Unterstützung der Sozialdemokraten umso wichtiger.
Dazu gehört auch ein klares Bekenntnis durch die aktuelle
SPD-Ministerriege, die Landesfürsten und den vermeintlichen
Kandidaten-Kontrahenten Martin Schulz, der die Zeit bis zur Wahl 2021
noch für die eigene Profilierung nutzen kann. Dann wird
Bundeskanzlerin Merkel definitiv nicht mehr antreten, und die Karten
werden komplett neu gemischt.

Ob Gabriel bei der bevorstehenden Bundestagswahl überhaupt etwas
bewegen kann, hängt maßgeblich vom Ergebnis der Landtagswahl im Mai
in Nordrhein-Westfalen ab. Hier werden die Weichen für die Zeit bis
zum Herbst gestellt. Deshalb wird sich Gabriel in den kommenden
Monaten intensiv um NRW und insbesondere das Ruhrgebiet kümmern. Er
wird Ministerpräsidentin Hannelore Kraft unterstützen, wo immer es
geht. Dass er sie gestern bei einem Treffen in Düsseldorf als „Seele
des Landes“ bezeichnete, ist nur ein Vorgeschmack auf den neuen
Kuschelkurs der beiden.

Pressekontakt:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
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