WAZ: Signal gegen die Rockermacht – Kommentar von Dietmar Seher

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Ausnahmezustand. Hunderte Polizisten, die die City
abriegeln. Jedes Fahrzeug, das in die Sperrzone will, wird
kontrolliert. Einsatzkommandos halten 200 Bandidos und Hells Angels
in Schach. Was Mülheim am Dienstagabend erlebte, wird die Stadt nicht
so schnell vergessen: Erstmals seit Langem ist das Zentrum einer
Ruhrgebietsstadt durch Sicherheitskräfte abgeriegelt worden. Dabei
floss kein Blut. Nur wenige Rocker wurden am Ende abgeführt. Was also
sollte dieses Spiel? Hat die Polizei neuerdings Spaß an sinnloser
Straßenkampf-Simulation? Wer so denkt, hat nichts verstanden. Seit
Jahren eskaliert der Konflikt zwischen Rockerbanden im Revier.
Vereinsverbote zeigen erste Wirkung. Dennoch verändert sich die
Situation zum Schlechteren. Es sind eben nicht mehr nur harmlose
Freizeit-Motorradgangs, die sich Banditen und Höllenengel nennen, die
gar Polizeibeamte in ihren Reihen haben und Männerspiele als
Freizeitspaß betreiben. Es sind, wenn alle Hinweise richtig sind,
Multis der organisierten Kriminalität, die eine eigene Lynchjustiz
unterhalten und Geschäftsinteressen mit Gewalt durchdrücken wollen.
Ihre Bindungen reichen in die russische Mafia, stellt Europol in
einem Lagebericht fest. Duisburg, Köln, Aachen und Berlin sind für
sie umkämpfte Zonen. Und Rivalen aus Südwestdeutschland und den
Niederlanden rollen das Feld auf, die mit vermeintlicher „Rockerehre“
nichts mehr zu tun haben und manchmal auch nicht mehr mit
Motorrädern. Am gefährlichsten aber: Diese Truppen stellen die
Machtfrage. Sie wollen den Staat im Staate. Ihr Ziel ist es,
Stadtviertel unter Kontrolle zu bekommen. Hannovers
Steintorviertel-Bürger kennen das. Polizei ist noch geduldet – wenn
sie sich friedlich zeigt. Darf es das sein? Wem der Aufmarsch der
Einsatzkommandos in Mülheim zu martialisch war, muss sich fragen, was
er am Ende will: eine demokratisch kontrollierte Ordnung, deren
Aufrechterhaltung auch ein paar Euro kostet – oder die willkürliche
Herrschaft gewalttätiger lokaler Fürsten, die ihre illegalen Waffen-,
Drogen- und Rotlichtgeschäfte sichern.

Pressekontakt:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
Telefon: 0201 – 804 6519
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