Weser-Kurier: Kommentar von Joerg Helge Wagner zum Sipri-Rüstungsbericht

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1780 Milliarden US-Dollar geben die Staaten der
Welt für ihr Militär aus – in einem einzigen Jahr. Das könnte man nun
in Krankenhäuser, Schulen und Anlagen zur Trinkwasserversorgung
umrechnen und dann feststellen, dass die Menschheit ohne Militär viel
besser dran wäre. Wer so rechnet, vergisst jedoch, dass in manchen
Teilen der Welt der Betrieb von Schulen, Krankenhäusern, Wasserwerken
ohne militärischen Schutz kaum möglich wäre. Und dass in noch mehr
Staaten die Militärausgaben wie eine Brandschutzversicherung
betrachtet werden: Man zahlt zähneknirschend jedes Jahr seinen Betrag
– in der Hoffnung, die dadurch versprochene Leistung niemals in
Anspruch nehmen zu müssen. Und je höher die Risiken sind, desto höher
ist der Betrag für deren Absicherung. Aber auch hier muss man
differenzieren. Russlands militärische Aggression in der Ukraine hat
die Modernisierung der polnischen Streitkräfte sicher beschleunigt,
aber nicht verursacht. Polen, wirtschaftlich stabil und
selbstbewusst, ringt um einen angemessenen Platz unter den Staaten.
Der hängt eben auch von der Fähigkeit ab, sich an militärischen
Einsätzen zu beteiligen. Warschau will mindestens die Nummer vier in
der EU sein, noch vor Italien und Spanien – und das als das Land mit
den wahrscheinlich zweitbesten Beziehungen zur Führungsmacht USA. Die
Gesamtzahlen im Sipri-Report sagen zudem nichts darüber aus, wie viel
für welche Waffensysteme ausgegeben wird – oder ob die Soldaten
einzelner Staaten nun besonders gut oder schlecht bezahlt werden. In
demokratischen, weit entwickelten Staaten sind die Personalkosten
deutlich höher – einfach, weil die Konkurrenz zum Soldatenberuf sehr
stark ist. Und strategische Waffen verschlingen besonders viel Geld:
Atom-U-Boote, Tarnkappenbomber, weitreichende Raketen, Satelliten.
Das erklärt den immensen Militäretat der USA. Und es ist schon nicht
mehr so leicht zu beantworten, ob die Menschheit tatsächlich besser
dran wäre, wenn diese Balance der möglichen Schrecken nicht mehr
bestünde – etwa in Asien, wo die stalinistische Diktatur Nordkorea
nach Atomwaffen strebt und die undemokratische Supermacht China
Grenzstreitigkeiten vom Zaun gebrochen hat. Wirklich obszön sind jene
Zahlen, die den Anteil der Militärkosten am Bruttosozialprodukt
einzelner Staaten ausweisen. Hier liegen neben arabischen Ölstaaten
Länder wie Süd-Sudan, Tschad, Kongo und Angola ganz vorne – alle
stark unterentwickelt. Die Steuerungsmöglichkeiten durch
Exportbeschränkungen freilich sind begrenzt: Diese Staaten
interessieren sich nicht für U-Boote und Eurofighter, eher für
Sturmgewehre und Raketenwerfer aus Russland oder China. Und die
werden liefern – schon, um ihre eigenen rapide steigenden
Militäretats zu refinanzieren.

Pressekontakt:
Weser-Kurier
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