Weser-Kurier: Leitartikel von Ralf Michelüber verunsicherte Bürger

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Es gibt Situationen, die machen einem Angst. Die
Terrorwarnung Ende Februar zum Beispiel, der Anblick
schwerbewaffneter Polizisten auf dem Marktplatz. Oder im April das
Gastspiel des HSV im Weserstadion. Wer gegen Mittag zufällig am
Hauptbahnhof ankam, konnte Fußball in seiner hässlichsten Form
kennenlernen. Und das Gefühl, als völlig unbeteiligter Bürger durch
ein Spalier von Polizisten gehen zu müssen. Ein ähnliches Szenario
bot sich im September. Diesmal waren braune Demonstranten und linke
Gegendemonstranten der Auslöser für das Großaufgebot der Polizei.
Gut, dass junge Leute gegen Neonazis mobil machen. Doch für harmlose
Zugreisende macht es wenig Unterschied, ob die ohrenbetäubend laute,
hasserfüllte Brüllerei von links oder rechts kommt. In Erinnerung
bleibt der stundenlange Ausnahmezustand am Hauptbahnhof. Und wieder
das Bild von Polizei-Hundertschaften, die anrücken mussten, um die
Bürger zu schützen. Und doch sind dies nur Momentaufnahmen. Furcht
einflößend, keine Frage. Doch wenn sie vorbei sind, auch schnell
wieder vergessen. Viel tiefer sitzt etwas anderes. „Angst“ ist (noch)
nicht das richtige Wort dafür. „Sorgen“ trifft es wohl besser. Sie
hängen mit den Flüchtlingen zusammen und funktionieren in beide
Richtungen. Brandanschläge bereiten Sorgen. Und Bürgerwehren, die vor
Flüchtlingsunterkünften patrouillieren. Sorgen bereitet aber auch die
Situation in den Unterkünften. So viele Menschen über lange Zeit auf
so engem Raum zusammengepfercht – wie lange kann das gut gehen? Und
ja, auch das macht Sorgen: Auf dem Weg zum Bahnhof von einem Spalier
junger Afrikaner taxiert zu werden. Oder im Viertel spätabends an
ganzen Trauben von jungen Flüchtlingen vorbeizugehen. Die Gründe für
all diese Ängste und Sorgen sind vielschichtig. Doch einer der
gewichtigsten dürften die fehlenden Perspektiven sein. Wie lange soll
es so noch weitergehen? Gibt es denn nirgendwo zumindest
Lösungsansätze? Wo soll das alles enden? Nur Fragen, keine Antworten.
Bürgermeister Sieling hat für November eine Senatsklausur einberufen,
um die Flüchtlingspolitik zu verbessern. Von einer Gesamtstrategie
ist die Rede. Man ist versucht „endlich“ zu sagen. Und hofft auf
Perspektiven.

Pressekontakt:
Weser-Kurier
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