Weser-Kurier:Über Egon Bahrs Vermächtnis schreibt Norbert Pfeifer:

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Er war kein Mann großer Worte, agierte eher im
Hintergrund, und Eitelkeit war ihm völlig fremd. Dennoch schrieb Egon
Bahr Geschichte. Mit seiner Formel „Wandel durch Annäherung“ prägte
er die Ost- und Entspannungspolitik unter Willy Brandt. Bahrs Ansatz
war dabei radikal neu: Nur wer die Realität schonungslos akzeptiert,
kann sie verändern. Und Veränderungen sind nur langfristig und in
kleinen Schritten zu erreichen. Auch wenn viele diesen Ansatz für
naiv hielten – die Entwicklung gab ihm recht. Bis zuletzt ließ Bahr
sein Lebensthema nicht los, das Verhältnis des Westens zu Moskau, das
sich in den vergangenen Jahren im Zuge der Ukraine-Krise so sehr
verschlechtert hat. Noch vor vier Wochen warnte er eindringlich vor
einem neuen Kalten Krieg. Ihn beunruhigte, dass immer mehr
Staatenlenker statt auf Annäherung auf Konfrontation und Distanz
setzen. Doch sind die Rezepte dieses großen Sozialdemokraten aus dem
vorigen Jahrhundert auch heute noch brauchbar? Gewiss lassen sie sich
nicht eins zu eins übertragen. Aber Bahrs Grundgedanke ist nach wie
vor richtig: Nur wer im Gespräch bleibt, kann etwas ändern. Dies gilt
weiter, auch wenn man nicht alle Forderungen Bahrs teilen muss. So
verlangte er ein Ende der Sanktionen gegen Russland. Klug eingesetzte
Sanktionen und Gespräche schließen sich aber nicht aus – sie können
zwei Seiten einer Medaille sein. Was keinen Ausweg bietet: Ganz auf
Strafen und militärische Drohungen setzen. In Europa wie in den USA
wird derzeit um die richtige Strategie gerungen: Das Pentagon fordert
militärische Stärke, das Außenministerium Pragmatismus, wozu auch
Präsident Obama neigt. Er lobt ausdrücklich die Rolle Moskaus bei den
jüngsten Verhandlungen über Irans Atomprogramm. Im schwankenden
Europa könnte Berlin eine Vermittlerrolle einnehmen. Genau das hat
Bahr bei seinem letzten Besuch in Moskau Ende Juli gefordert. Wer
Verhältnisse ändern will, braucht Geduld. Es wird weiter ein Auf und
Ab geben. Das ist Bahrs Vermächtnis. Auch mal den eigenen Standpunkt
überdenken und gegebenenfalls korrigieren – das hat er nicht zuletzt
selbst getan: Vom „Kalten Krieger“ der 50er-Jahre, so seine
Selbsteinschätzung, entwickelte er sich zum Entspannungspolitiker der
60er- und 70-er Jahre: „Ohne Frieden ist alles nichts.“

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