Weser-Kurier:Über Erdogans Besuch bei Putin schreibt Susanne Güsten:

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Erdogans Besuch bei Putin an diesem Dienstag in St.
Petersburg ist in erster Linie der Versuch eines Neuanfangs in den
krisengeschüttelten Beziehungen zwischen der Türkei und Russland. Da
die Visite in Zeiten eskalierender Spannungen zwischen Erdogan und
dem Westen stattfindet, stellt sich die Frage, ob hier eine neue
Allianz entsteht. Vieles spricht dagegen. Zwar decken sich türkische
und russische Sichtweisen in einigen Bereichen. Putin und Erdogan
misstrauen dem Westen und vermuten, dass Europäer und Amerikaner
heimlich an einer Destabilisierung ihrer Länder arbeiten. Doch das
genügt nicht für ein starkes Bündnis zwischen Ankara und Moskau. Im
Syrien-Konflikt etwa stehen beide auf verschiedenen Seiten. Russland
hält an Assad fest, um in Nahost mitzumischen. Dagegen will Ankara
den syrischen Präsidenten aus dem Amt jagen und aus Syrien einen von
sunnitischen Glaubensbrüdern dominierten Staat machen – ohne
russischen Einfluss. Lange hatten beide Seiten ihre Differenzen
zugunsten einer florierenden Zusammenarbeit in der Energie- und
Tourismuspolitik ausgeklammert. Diese könnte jetzt neu beginnen. Doch
als Erben verfeindeter Großreiche bleiben die Türkei und Russland
alte Rivalen im Kaukasus. Im Ukraine-Konflikt schlug sich die Türkei
eindeutig auf die Seite Kiews; zudem beklagt sie eine Unterdrückung
der muslimischen Krimtataren. Die mehr als ein halbes Jahrhundert
alte Nato-Mitgliedschaft der Türkei steht einem engen Bündnis mit
Moskau ebenfalls entgegen. Wahrscheinlicher als eine
türkisch-russische Allianz ist eine andere Neuorientierung. Seit
Langem fordern wichtige Erdogan-Berater, das Land solle sich vom
Westen lösen und als unabhängige Regionalmacht eine eigene
Außenpolitik betreiben. Erdogans Schimpftiraden gegen Europa und den
Westen sowie sein Besuch in Russland könnten Zeichen dafür sein, dass
diese Absetzbewegung jetzt beginnt. Der Umgang mit Erdogan wird für
den Westen noch schwieriger.

Pressekontakt:
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