Westdeutsche Zeitung: Das Saatgut und die Macht

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Fast wirkte es gestern so, als würden die
Aktienspekulanten ethische Standpunkte einnehmen. Kaum waren die
Nachrichten über eine mögliche Übernahme des US-Saatgutkonzerns
Monsanto in der Öffentlichkeit, da sackte der Kurs der Bayer-Aktie
ab. Monsanto gilt schließlich als böser Bube. Der mit seinen
gentechnisch veränderten Pflanzen und den exakt dazu passenden
Unkrautvernichtungsmitteln Bauern in die Abhängigkeit treibt. Der in
großem Stil das derzeit so umstrittene Glyphosat herstellt. Wenn
Bayer so einen übernimmt, dann wird es doch selbst ein Stück
Monsanto. Und da sagen die Aktionäre empört: Das wollen wir nicht,
und darum verkaufen wir unsere Aktien. Natürlich ist es nicht so. Den
Aktionären eine solche Denkweise zu unterstellen, wäre naiv. An der
Börse wurde Bayer nur deshalb in den Keller geschickt, weil den
Aktionären der Kaufpreis zu teuer erscheint. Mit Ethik hat das nichts
zu tun. Und grundsätzlich haben auch Bayer-Aktionäre nichts dagegen,
dass die Leverkusener ihre Position auf dem Weltmarkt weiter stärken.
Saatgut und Pflanzenschutzmittel, die schon jetzt ein wichtiges
Standbein der von Monheim aus gesteuerten Agrarsparte von Bayer sind,
haben eine große Bedeutung. Der frühere US-Außenminister Henry
Kissinger hat einmal gesagt: „Wer das Saatgut kontrolliert,
beherrscht die Welt.“ Liegt die Produktion des Saatguts und die dazu
passenenden Kunstdünger und Pestizide nur noch in wenigen Händen, so
kommt es zweifellos zu einer starken Machtstellung. Eine Macht, die
die Chemieriesen durchaus anstreben, auch wenn sie sich in ihren
Imagefilmen als Helfer der Landwirte und Kämpfer gegen den Hunger
darstellen. Weil sie Geld verdienen wollen – was nicht verwerflich
ist. Aber mit zunehmender Konzentration wächst auch die sonstige
Macht, die etwa in Verhandlungen über Handelsverträge und das Gelten
von strengeren oder weniger strengen Regeln ganz schnell auch
politisch wirken wird.

Pressekontakt:
Westdeutsche Zeitung
Nachrichtenredaktion
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